Deutsch issues

(aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 11.01.2019, abends, Sofia)

Heute müssen wir ein sehr wichtiges Thema besprechen: wie wir unsere menschlichen Standards verbessern können. Wie wir über die menschlichen Standards hinauswachsen können. Was also ist ein Mensch? Beim letzten Mal haben wir darüber gesprochen – teils Tier, teils Engel. Ihr seid ein zusammengesetztes Wesen: ein bisschen von dem einen, ein bisschen von dem anderen, und daraus entsteht eine neue Wesenheit – der Mensch. In der Bibel wird unser Ursprung so beschrieben, dass wir aus Staub erschaffen wurden – das ist kein besonders erhabener Ursprung. Wenn wir jedoch aus dem Staub von den Füßen reiner Gottgeweihter erschaffen wurden, dann dürfen wir uns sehr glücklich schätzen.

Was sind also die grundlegenden menschlichen Eigenschaften? Wir werden von bestimmten Kräften angetrieben: Instinkten, Wünschen, Anhaftungen, Ängsten. Wenn man gemäß diesen Instinkten oder grundlegenden Motivationen lebt, dann ist man ein „echter“ Mensch. Wenn man sehr grausam oder sehr schlecht ist, wird man nur wenige Gefährten haben – denn nur sehr wenige Menschen sind wirklich schlecht, nicht wahr? Wenn man hingegen zu gut ist, wird man ebenfalls nur wenige Gefährten haben, da nur sehr wenige Menschen wirklich gut sind. Ist das nicht so? Es stimmt. Wir Menschen befinden uns also irgendwo dazwischen. Nicht wahr? Ihr seid nicht ausgesprochen „tamasisch“ – denn ein sehr tamasischer Mensch bedeutet ein Dämon. Und ihr fühlt euch doch nicht wie Dämonen, oder? Das seid ihr auch nicht. Andererseits seid ihr auch nicht übermäßig „sattvisch“ – denn das würde einem Halbgott entsprechen. Fühlt ihr euch wie ein Halbgott? Wohl noch nicht. Wir befinden uns also genau in der Mitte zwischen einem Menschen der Dunkelheit und einem Menschen des Lichts. Wenn man zu „sattvisch“ ist – also eine allzu „sattvische“ Sprache spricht –, dann verstehen einen die meisten Menschen nicht. Denn wir Menschen sind größtenteils von „Rajas“ – von Leidenschaft – geprägt. Wenn du eine „rajasische“ Sprache sprichst, wirst du sehr beliebt sein und ein großes Publikum erreichen, denn die Menschen werden diese Botschaft verstehen.

Kennt ihr den Witz? Ein Agnostiker lag auf dem Sterbebett. Zwei Leute wollten ihn bekehren; der eine sagte: „Nein, es ist unmöglich, ihn zu bekehren – er ist ohne Glauben, er glaubt an gar nichts, es ist einfach unmöglich.“ Der andere entgegnete: „Ach, mach dir keine Sorgen, überlass das nur mir, ich kriege das schon hin.“ Er betrat also das Zimmer, in dem der Mann lag und darauf wartete, seinem „Lieblings-Halbgott“ – dem Tod – zu begegnen. Nach fünf Minuten Gespräch öffnete der Freund die Tür und sagte: „Holt den Priester! Er möchte sich taufen lassen und alle Segnungen empfangen, die der Priester zu bieten hat.“ Der andere war verblüfft: „Wie ist das möglich? Hast du ihm den Himmel so schön ausgemalt?“ „Nein, ich habe ihm die Hölle beschrieben – das hat ihn zur Vernunft gebracht.“

Wenn ihr also diese Sprache sprecht – die Sprache von Leid, Schmerz, Anhaftung und Liebe –, dann werden die Menschen euch verstehen: „Ja, er gehört zu uns, er spricht dieselbe Sprache.“ Wenn ihr hingegen zu „sattvisch“ seid, wird niemand auf euch aufmerksam werden. Wenn ihr mit anderen nur über die kompliziertesten Aspekte der Vedanta-Philosophie diskutieren wollt – wer wird dann euer Gesprächspartner sein? Wenn ihr die Vorlieben der Menschen um euch herum nicht teilt, wer soll dann euch Gegenüber sein? Wenn ihr zum Beispiel in Bulgarien keinen Joghurt mögt – wer wird euch dann verstehen? Ihr müsst einen Draht zu den Menschen finden.

Doch wenn ihr nur die grundlegenden Instinkte teilt, die allen Lebewesen eigen sind – worin unterscheidet ihr euch dann von einer Gurke oder einer Taube? Essen, schlafen, sich verteidigen, sich paaren – all das tun alle Geschöpfe. Wo liegt also der Unterschied? Und warum habt ihr dann überhaupt diese Gestalt? Wenn wir die Chance haben, einen menschlichen Körper zu besitzen, dann müssen wir dessen Möglichkeiten – all die Gelegenheiten, die er uns bietet – ausschöpfen.

(Fortsetzung folgt)



(aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 11.01.2019, vormittags, Sofia)

(Fortsetzung vom Freitag zuvor)

Frage: Kann die Mandala-Struktur mit dem Tempel von Jagannath Puri verglichen werden?

Swami Tirtha: Ja! Dieser Tempel ist zudem riesig. Er hat vier Tore, die in die Himmelsrichtungen weisen. Es gibt außerdem einige spezielle Ausgänge. Das ist sehr wichtig. Soll ich euch sagen, warum? Die Mauern dieses Tempels sind hoch. Der Haupteingang wird durch eine Säule markiert – die Garuda-Säule. In allen wichtigen Vishnu-Tempeln findet man vorne immer Garuda. Genauso wie man in Shiva-Tempeln immer Nandi, seinen Stier, findet. Wer ist Garuda?

Anhänger: Vishnus Reittier.

Swami Tirtha: Natürlich, denn wenn Vishnu irgendwohin reisen möchte, muss Garuda zur Stelle sein, nicht wahr? „Mein Herr, wenn Ihr gehen wollt, kann ich Euch dorthin bringen.“ In einer vornehmen Familie warten der Fahrer und das Auto immer vorne – für den Fall, dass der Herr irgendwohin möchte; man ist also bereit. Garuda ist da, um uns diese Bereitschaft zum Dienen zu zeigen. In einem wunderschönen Tempel ist Garuda so dargestellt, dass er mit einem Bein auf dem Knie ruht und dem Tempel zugewandt ist. Wunderschön! Wenn man sich nähert, erinnert man sich sofort: Ich muss dienen, ich muss bereit sein.

Am Haupteingang in Jagannath Puri kennzeichnet die Garuda-Säule also die Richtung. Es gibt noch ein weiteres Haupttor, durch das das Mahaprasadam aus dem Tempel hinausgebracht wird. Denn wie ihr wisst, ist der Jagannath-Tempel sehr berühmt für sein Prasadam. In diesem Tempel gibt es mehr als 200 Köche, täglich werden 54 Opfergaben dargebracht, und jeden Tag wird anderthalb Tonnen Reis angeboten. Jagannath Puri schwimmt also förmlich im Mahaprasadam. Was steckt für ein Konzept dahinter? Dort verehrt man Krishna als Jagannath, den Herrn des Universums. Und sie sind der Ansicht, dass der Herr – der Ursprung des gesamten Universums – alle Annehmlichkeiten des Universums genießen sollte; denn alles gehört Ihm. Daher sagen sie: „Jagannath mag *Prasadam*, Er isst gern.“ Ihr Wunsch, Ihm zu dienen, ist so groß, dass es heißt, Seine Finger seien stets feucht. Was für ein schöner Gedanke! Gott beständig mit dem zu dienen, was Er uns gegeben hat – es Ihm wieder darzubringen. Wunderschön! Allein an diesem einen Aspekt lässt sich die gesamte Philosophie verstehen.

Doch beim Kochen entstehen Abfälle, also Müll. Deshalb gibt es in diesem Tempelkomplex einen speziellen Ausgang, durch den sämtliche Schalen, Abfälle und Ähnliches an einer bestimmten Stelle nach draußen befördert werden.

Ja, man kann also sagen, dass Tempelanlagen manchmal auch die Struktur eines Mandalas darstellen. Dies lässt sich besonders gut in Shri Rangam beobachten – einer überaus berühmten heiligen Stadt in Südindien. Dort befindet sich der höchste Gopuram (Eingangsturm) in ganz Asien. Die Anlage gleicht tatsächlich einer eigenen Stadt. Auch Mahaprabhu besuchte diesen Ort; so findet man vor dem Tempel eine kleine Kapelle, die an Seinen Besuch erinnert. Wenn man durch das erste Tor tritt, gleicht dieser erste Bereich stark der Außenwelt: Es gibt dort Geschäfte, Verpflegung, Kleidung und verschiedenste Händler – fast so wie außerhalb. Passiert man das nächste Tor, findet man keine Lebensmittel mehr. Durchschreitet man das darauf folgende Tor, gibt es keine Saris mehr. Und je näher man dem Kern kommt, desto mehr stößt man ausschließlich auf spirituelle Gegenstände – etwa Blumengirlanden oder Räucherwerk –, die man Vishnu darbringen kann, da es sich um einen Vishnu-Tempel handelt. Im inneren Haupthof schließlich trifft man nur noch auf Brahmanen, die ihre Hymnen rezitieren. Es ist ein wunderbares Sinnbild: Wir kommen aus der Außenwelt, geprägt von einer Vielzahl an Bedürfnissen und Wünschen – „Ich habe Hunger“, „Ich möchte etwas Schönes für mich finden“ –, genau dort haben wir unseren Ursprung. Mit dem nächsten Schritt–gibt es kein Essen mehr. Mit jedem weiteren Schritt – keine luxuriösen Gegenstände. Auf diese Weise werden wir darin geschult, alle materiellen Vorstellungen hinter uns zu lassen. Schließlich werden wir dem Göttlichen begegnen.

In diesem Tempel wird tatsächlich eine ganz besondere Murti von Ramanuja Acharya vehrert; auch sein Samadhi-Schrein befindet sich dort. Es gab dort einen Torwächter. Wir wollten den gesamten Tempelkomplex betreten, doch der Torwächter sagte: „Auf keinen Fall, hier kommt ihr nicht hinein.“ Wir waren damals inkognito unterwegs und trugen Hosen. Die Regel lautete also: „Kein Zutritt in Hosen.“ Glücklicherweise war jedoch ein bhakta dabei, der einen Dhoti trug. Daraufhin ließ der Torwächter von seinem Widerstand ab und sagte: „Na gut.“ Das bedeutet: Auch an der äußeren Peripherie der Mandalas werdet ihr auf Torwächter stoßen. Doch wenn ihr einen guten Freund oder einen guten Begleiter an eurer Seite habt, werdet ihr mit diesen Torwächtern keine Schwierigkeiten bekommen.

Pflege also eure inneren, äußeren und göttlichen Mandalas. Wenn ihr den heiligen Namen mit eurer schönen Gebetskette chantet, könnt ihr darin ebenfalls ein Mandala erkennen – ein Symbol für den kreisförmigen Tanz von Radha und Govinda. Und wenn ihr auf Einladung von Caitanya Mahaprabhu zu diesem Tanz aufgerufen werdet, könnt ihr um die Lotusblume und die Diamantsäule tanzen.



(aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 11.01.2019, vormittags, Sofia)

(Fortsetzung vom vorigen Freitag )

Frage von Krishna Shakti: Ich bräuchte noch etwas Erläuterung zu dem Mandala mit den sechs Blättern. Sie sagten es gäbe eine Diamantsäule, die für Selbstreflexion steht – ist das vielleicht der Ort der Seele?

Swami Tirtha: Nun, die Diamantsäule – das ist Krishna. Es gibt hier zwei verschiedene Erklärungsansätze. Wenn wir den Herzlotus als ein Blumensymbol betrachten, dann finden sich auf den Blütenblättern positive sowie fragwürdige  Eigenschaften, und im Zentrum liegt die Selbstreflexion. Das ist sozusagen der Anfang: Wenn wir unsere spirituelle Reise beginnen und noch nicht genau wissen, wie wir uns weiterentwickeln können, ist der erste Schritt, den wir tun können, uns selbst zu analysieren und über uns selbst nachzudenken: „Wer bin ich?“ Aus dieser Perspektive lässt sich sagen, dass der Beobachter diese Selbstreflexion vollzieht – und das sind wir, die Seele. Von diesem zentralen Punkt aus können wir unsere positiven und negativen Eigenschaften, unsere Vorzüge und unsere Schwächen betrachten.

Wenn wir unsere spirituelle Reise antreten, verlassen wir unser eigenes, kleines Herz-Mandala und treten in ein größeres Mandala ein. Stellt es euch so vor: Ihr nährt euch einem Tempel – es ist ein riesiger Tempelkomplex, fast wie ein ganzer Stadtteil. Die Außenmauer dient dazu, die Stadt vom heiligen Raum abzugrenzen. Es gibt ein Haupttor, einen Haupteingang; ihr tretet ein, und dann folgt eine weitere Mauer, und noch eine – ihr durchschreitet immer tiefer liegende Kreise dieses gewaltigen Komplexes. Und schließlich, im Zentrum dieses Komplexes, befindet sich diese Diamantsäule – Gott. Wenn dieses symbolische äußere Mandala und eure persönliches Mandala dort aufeinandertreffen, kann diese Diamantsäule auch in euer eigenes Herz übertragen werden. Dann werdet ihr den Ursprung euer eigenen Existenz finden. Und dann ist euer Herz-Mandala weit genug gereinigt, um Gott dazu einzuladen, darin zu wohnen: „Bitte, ich habe diesen Ort für Dich vorbereitet.“

Diese beiden Lotosblüten – zwei verschiedene Mandalas – dienen also dazu, unterschiedliche Ebenen der Wirklichkeit zu veranschaulichen. Die eine steht für eine persönliche, individuelle Wirklichkeit, während die andere eher ein Symbol für den spirituellen Weg darstellt, den wir zurücklegen müssen, um unser Ziel zu erreichen. Hinzu kommt das göttliche Mandala, in dem Goloka Vrindavan wie Lotosblütenblätter beschrieben wird, auf denen das Mahamantra steht. Es wird also immer wieder auf ein ähnliches Bild Bezug genommen, wenn auch in unterschiedlichen Nuancen: Da ist zum einen eure individuelle Herz-Mandala, zum anderen der Weg als Mandala, und schließlich die göttliche Wirklichkeit als Mandala. Manchmal kommen wir auch in einem Mandala der Schülerschaft zusammen – so wie heute: Wenn wir hier zusammensitzen, bilden wir ebenfalls eine Struktur, eine Form, die zusätzliche spirituelle Energie freisetzt.

Ich weiß nicht, ob dir das geholfen hat, die Situation in deinem Kopf zu klären. Es gibt also Parallelen und Ähnlichkeiten zwischen diesen verschiedenen Darstellungen, da sie alle dasselbe Symbol – das Mandala – verwenden, jedoch in jeweils unterschiedlichen Deutungen.

(Fortsetzung folgt)



(aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 11.01.2019, morgens, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

Swami Tirtha: Was ist der Unterschied zwischen den beiden Mandalas – dem Krishna-Mandala und dem Gauranga-Mandala? Wer befindet sich in Krishnas innerstem Lotus-Mandala?

Antwort: Die jüngsten Manjaris.

Swami Tirtha: Ja, und im mittleren Kreis?

Antwort: Die gleichaltrigen Gopis.

Swami Tirtha: Und im äußeren Kreis?

Antwort: Die Botinnen.

Swami Tirtha: Nur Frauen, nicht wahr? Und in den Kreisen von Chaitanya Mahaprabhu?

Antwort: Nur Männer.

Swami Tirtha: Nun, nicht nur. Denn es wird ausdrücklich erwähnt, dass es im Navadvipa-Mandala eine Frau gibt, nämlich Jahnava Devi, die Gemahlin von Nityananda Prabhu; sie war eine sehr bemerkenswerte Persönlichkeit in der Sampradaya nach der Zeit Mahaprabhus.

Wir können verstehen, dass Krishna als direkter Avatar erscheint, denn das Wesen Gottes besteht – nach unserem Verständnis – darin, der Genießer zu sein. Er ist der Mittelpunkt der gesamten Schöpfung, die Ursache aller Ursachen, und alles Erschaffene – alles, was aus dieser Quelle hervorgeht – dient diesem Zweck. Das meine ich mit „Genießer“: dass Er den Dienst aller anderen annimmt.

Mahaprabhu erschien in verborgener Gestalt als *Gupta-Avatar*. Er kam nicht in Seiner vollen göttlichen Pracht. Er kam nicht als Empfänger all der Dienste der erschaffenen und manifestierten Energien. Sondern Er kam als Geweihter, Er kam als Diener Gottes. Und Er definierte sich selbst so: „Ich bin kein gelehrter Brahmane, ich bin dies nicht, ich bin jenes nicht. Ich bin vielmehr ein Diener des Dieners der Diener des Höchsten.[1]“ Er führte also das Leben eines Asketen. Und was kann man von einem Asketen erwarten? Dass er im Mondschein mit jungen Frauen tanzt? Man sollte einen solchen Asketen besser meiden.

Dennoch besitzen Seine engsten Diener, die Goswamis, ursprünglich diese Gopi-Stimmung. Obwohl auch die Goswamis Asketen waren, verkörpern sie in ihrer ursprünglichen Form dennoch die unschuldige Hingabe und Dienstbereitschaft der Gopis.

Daher können wir sagen, dass das Radha-Govinda-Mandala und das Gauranga-Mandala Yoga-Pithas sind – Orte, die dazu dienen, die Aufmerksamkeit zu fokussieren. Genau wie Yantra-Mandala-Strukturen im Allgemeinen dabei helfen, unsere Aufmerksamkeit zu bündeln, indem man sich von der äußeren Welt immer mehr dem Wesenskern, dem Durchbruch, nähert. Doch hier, in diesen göttlichen Mandalas, wissen wir, wer im Zentrum steht, und wir wissen, wer sich auf den verschiedenen Ebenen dieser Struktur befindet.

Bitte tretet also ein; ihr habt eine Einladung erhalten. Komm näher an dieses tanzende Paar im Zentrum heran. Dann wird euer Leben erhaben sein.

(Fortsetzung folgt)

1. Chaitanya Charitamrita, Madhya Lila, 13.80



(aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 11.01.2019, morgens, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

Wir haben also das Krishna-Mandala beschrieben. Doch wie steht es um Gauranga? Auch Mahaprabhu hat Sein Mandala. Und in Seinem Mandala nehmen Seine Gefährten die ihnen zugewiesenen Plätze ein.
Wer befindet sich im Zentrum des Chaitanya-Mandala? Das Zentrum des Chaitanya-Mandala bildet Er selbst – Chaitanya Mahaprabhu und Seine direkten Gefährten. Denn während im Krishna-Mandala Radha-Govinda im Zentrum standen, repräsentiert Mahaprabhu im Chaitanya-Mandala die vereinten Radha und Govinda; zudem umfasst es Seine primären Erweiterungen wie das Pancha-tattva.
Wer befindet sich im inneren Kreis? Im inneren Kreis des Krishna-Mandala befanden sich die jüngeren Gopis, die Manjaris. Im Mandala Mahaprabhus nehmen also die Goswamis diesen Platz ein. Auf dem äußeren Kreis, den äußeren Blütenblättern des Gauranga-Mandala, befinden sich die vertrauten Diener. Daraus können wir schließen, dass selbst jene, die zu den äußeren Blütenblättern dieses Blütenkranzes gehören, sehr vertraute Diener sind. Und schließlich sind diejenigen, die zum mittleren Bereich gehören, die allervertrautesten Diener. Also: vertraut, allervertrautest und Goswamis.
Aber ein Vers ist in Bezug auf die Identität von Chaitanya Mahaprabhu sehr wichtig:
Radha krishna-pranaya-vikritir hladini shaktir asmad
ekatmanav api bhuvi pura deha-bhedam gatau tau
chaitanyakhyam prakatam adhuna tad-dvayam chaikyam aptam
Radha-Bhava-Dyuti-Suvalitam Naumi Krishna-Svarupam [1]

Bedeutung: „Ich verehre Chaitanya Mahaprabhu, der sich nicht von Krishna unterscheidet. Umhüllt von der Pracht und den Emotionen Radharanis. Als herrschend und vorherrschend beiden Hälften Radha und Krishna sind in ihrer individuellen Identität immer vereint. Und jetzt in der Form von Chaitanya Mahaprabhu,  sind sie wieder vereint. Und diese unvorstellbare Transformation des  göttlichen Paar entsteht aus den Liebesbeziehungen von Radha und Krishna.“
Dies ist ein Zitat von Svarupa Damodara, dem persönlichen Sekretär Chaitanya Mahaprabhus. Und dieses Zitat ist für uns von großer Bedeutung, da es die Philosophie Chaitanya Mahaprabhus beschreibt – diese unbegreifliche Einheit in der Verschiedenheit. Die Göttlichkeit besitzt nach unserem Verständnis diese zwei Seiten einer Medaille: Govinda und Radha, Radha und Govinda – stets vereint. Sie sind einander so innig verbunden, dass sie – wenn sie ihre getrennten Identitäten wahrnehmen, etwa Krishna für sich und Radha für sich – einander so sehr brauchen, dass sie sich zueinander hingezogen fühlen und einander suchen. Und wenn diese Suche intensiv genug ist, umarmen sie einander so tief und innig, dass Chaitanya Mahaprabhu erscheint. Dann verbirgt sich Krishnas dunkler Teint unter dem silbernen Glanz Radhikas.
Bitte behaltet diesen Vers also im Gedächtnis, denn er leitet uns bei unseren spirituellen Bestrebungen. Und auf dieser Grundlage können wir die Parallelen zwischen Krishna-Lila und Gauranga-Lila leicht verstehen. Wer das entsprechende Auge besitzt, kann die Teilnehmer und Gefährten Chaitanyа Mahaprabhus sowie deren Stellung in Krishna-Lila erkennen.

1. Chaitanya Charitamrita, Adi Lila, 1.5

(Fortsetzung folgt)



(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 11.01.2019, morgens, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

Als Krishna auf der Erde seine Spiele spielte, waren die Gopals und Gopis seine engsten Diener und Partner in seinen fröhlichen und unschuldigen Spielen. Rupa Goswami teilte die Gopis in drei Kategorien ein. Die erste Gruppe besteht aus Gopis, die im selben Alter wie Krishna sind. Die zweite Gruppe umfasst die jüngeren Gopis, jünger als Krishna. Die dritte Gruppe überbringt Botschaften. Die erste Kategorie wird Samaja genannt, gemeinsam geboren, im selben Alter. Die zweite Gruppe, diese jüngeren Diener, werden Mandala genannt, gehören zum Mandala, zum inneren Kreis Krishnas. Die Boten werden Krishnas Gefolge genannt, Ghana – sie sind sein Volk. Oftmals denken wir, die Gopis seien eine einzige Gruppe. Nein, es gibt drei Gruppen. Natürlich gibt es viele Untergruppen und weitere Beschreibungen, aber fangen wir damit an: Gleichaltrige, Jüngere und Botinnen. 

Die gleichaltrigen Gopis werden ebenfalls in zwei Gruppen unterteilt: jene, die zum äußeren Kreis gehören, und jene, die zum inneren Kreis gehören. Da die Botinnen die Nachrichten überbringen müssen, kennen sie sich in ihrer Umgebung sehr gut aus, verrichten aber die meisten äußeren Dienste, da sie viel unterwegs sind. Und was ist mit der dritten Kategorie – den Jüngeren? Die Jüngeren gelten als die engsten Vertrauten, da sie Orte betreten dürfen, die anderen verschlossen bleiben. Die meisten von euch sind Eltern. Manchmal denkt man: „Ach, ich kann frei sprechen, weil mein Kind mich ja nicht versteht.“ Falsch. Kinder verstehen alles – natürlich ihrem Entwicklungsstand entsprechend –, aber sie spüren sofort, wenn man aufgeregt oder mürrisch ist, ein Problem hat oder fröhlich ist. Die Kleinen hingegen können jederzeit kommen. Es stört euch nicht, wenn euer kleines Kind in euer Bett krabbelt, oder? Aber wenn die Nachbarin, die normalerweise alle Neuigkeiten aus dem Dorf mitbringt, in euer Bett krabbeln will, lässt ihr das nicht zu, richtig? Manche Beziehungen akzeptiert man, andere nicht – verboten, auf keinen Fall! So heißt es, dass die jüngsten Gopis dort hineindürfen, wo anderen der Zutritt verwehrt ist. Und diese höchste Reinheit, diese kindliche Unschuld gilt als die höchste Errungenschaft des spirituellen Lebens. 

Und wer steht im Mittelpunkt all dieser dienenden Gopis, wer ist der Fokus ihrer Aufmerksamkeit? Das ist das Göttliche Paar. Man kann also sagen: dass die Gopis tanzen und um Radha-Govinda herumschwirren. Symbolisch ausgedrückt: Wenn die männlichen und weiblichen Prinzipien vereint sind, beginnt die Schöpfung – aber das ist so langweilig, so theoretisch! Doch wenn wir sagen: Radha und Govinda tanzen und alles dreht sich um sie, dann können wir dieses Geheimnis der Schöpfung auf poetische Weise verstehen. So erkennen wir, dass praktisch alles, was geschaffen wird, alles, was aus dieser göttlichen Quelle hervorgeht, dem Zentrum dient. Es steht nicht im Widerspruch dazu, sondern alles ist dem Zentrum zuträglich. Und genau das müssen auch wir in unserem Leben erkennen: Wenn unser geliebter Krishna im Zentrum ist, sollte alles, was wir haben, harmonisch seinem Zweck dienen. Dann können wir sagen, dass unser Leben in einer Mandala-Struktur angeordnet ist. Und das Mandala dient der Krafterzeugung – es ist eine Kraftstruktur. Wenn ihr euren Platz in einer Kraftstruktur findest, werdet ihr gestärkt. Stimmt ihr zu? 

Nehmen wir an, ihr schließt euch den Devotees an. Das bedeutet, ihr trettet in die Schülergemeinschaft der Sadhu-Sangha ein. Ihr könnt vielleicht nicht gut kochen, aber ihr sollt der Hauptkoch des Ashrams sein. Und wenn ihr euch ganz darauf einlässt, werden euch nach und nach Fähigkeiten übertragen. Vielleicht weinen die Devotees am ersten Tag wegen eure Suppe. Aber nach einem Monat werden sie anders weinen: Sie wird so gut, so süß, so wohltuend sein, dass sie vollkommen zufrieden sein werden. Oder manchmal solltet ihr der Hauptleiter des Bhajans sein. Und vielleicht weinen die Devotees am ersten Tag wegen euren Bhajans. Aber wenn ihr euch nach und nach qualifiziert, werden sie beim nächsten Mal andere Tränen vergießen. Ich meine, euch werden Kräfte übertragen, wenn ihr eure Rolle in der Schülergemeinschaft annimmt. Das ist sehr wichtig! Qualitäten werden sich zeigen.

(Fortsetzung folgt)



(aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 11.01.2019, morgens, Sofia)

Die ersten Sonnenstrahlen sind da. Jetzt können wir sie nach so vielen Tagen der Dunkelheit, des Nebels und der Kälte wirklich zu schätzen wissen. Leider sind wir Menschen so beschaffen: Wir wissen die gesegneten, göttlichen Dinge oft erst dann zu würdigen, wenn sie fehlen. *Krishna-surya-sama*.Die Sonne-Krishna scheint immer, doch aufgrund der Wolken der Unwissenheit vergessen wir es. Deshalb müssen wir diese menschliche Natur überwinden – die Eigenschaft, langsam zu lernen und schnell zu vergessen. Es ist besser, nach dem entgegengesetzten Prinzip zu handeln: das Wesentliche rasch zu erfassen und es niemals wieder zu vergessen.

Doch lasst uns nun unsere Betrachtungen zur göttlichen Lotusblume fortsetzen. Wie bereits besprochen, gibt es verschiedene Ebenen des Verständnisses für dieses wunderschöne Symbol. Wir haben über den Lotus des Herzens gesprochen, über den Lotus als kosmisches Symbol und als spirituelles Symbol für uns – gleichsam als Essenz der Schöpfung. Wenn wir nun – ausgehend von dem Verständnis, das wir durch die „Brahma-samhita“ gewonnen haben welche den Lotus, das Sechseck, die umgebenden Bereiche sowie all die verschiedenen Gefährten und Repräsentanten um diesen Mittelpunkt göttlicher Einheit herum beschreibt – diese Struktur genauer betrachten, gelangen wir zu den engsten Gefährten Krishnas. Man kann sagen, dass auch die Diener und geliebten Geweihten Krishnas in einer ähnlichen, lotusartigen Weise angeordnet sind. Dies ist ein weiteres lebendiges Lotus-Mandala. Wie wir besprochen haben: Wenn wir das Göttliche Paar in den Mittelpunkt unseres Lebens stellen, ordnet sich alles andere dementsprechend. Daher ist auch dieses Lotus-Mandala der engsten Geweihten um das Göttliche Paar herum angeordnet. Man nennt dies *Yoga-pitha*; es ist gleichsam eine symbolische Struktur der Anordnung der verschiedenen Geweihten. Dieses *Yoga-pitha* bildet das Fundament unseres Glaubens. Und auf diesem Fundament sollten wir das Objekt unserer Verehrung errichten – Radha-Govinda stehen im Zentrum.

Allen Mandalas teilen also gewisse Merkmale gemeinsam, wie etwa die quadratische Form an der Peripherie. Es gibt stets Tore, die in die Himmelsrichtungen weisen, und wenn wir diesen heiligen Raum betreten, finden wir im Inneren eine Harmonie vor, die durch den Kreis zum Ausdruck kommt. Das Quadrat symbolisiert stets die materielle Sphäre, und dieser heilige Raum ist von der materiellen Sphäre abgegrenzt. Doch die Tore bedeuten, dass er nicht völlig isoliert ist, dass es möglich ist, diesen heiligen Raum zu betreten. Man kann sagen, dass dies unsere Hoffnung ist – schon diese symbolische Darstellung bedeutet, dass es einen Weg gibt, sich dem Göttlichen zu nähern. Und im absoluten Zentrum aller Mandalas findet man einen Mittelpunkt. Dies ist gewöhnlich der Punkt des Durchbruchs. Denn wenn man sich seinem Mandala nähert, kommt man zunächst aus der äußeren Welt, aus dem materiellen Leben. Man versucht, sich dem Mandala in horizontaler Richtung zu nähern; dann erreicht man ein Tor. Man tritt ein und kommt dem Wesenskern immer näher. Und dort, an diesem Ort der Begegnung mit dem Göttlichen – es ist wie bei einer Tempelanlage: Man kommt aus der äußeren Welt und gelangt durch verschiedene Höfe, Tore und Eingänge näher an das Allerheiligste – an die Murti, die in dieser Tempelanlage thront. Und dort, wo man Gott begegnet, liegt der Punkt des Durchbruchs. Dann wandelt sich die horizontale Bewegung in eine vertikale Verbindung. Auf unserem spirituellen Weg bewegen wir uns also lange Zeit auf derselben Ebene, während wir versuchen, dem wesentlichen Verständnis näherzukommen. Doch wenn man an diesem besonderen Punkt konzentrierter spiritueller Kraft angelangt ist, kann man sein Bewusstsein erheben. Und das gleicht einem spirituellen Quantensprung.

(Fortsetzung folgt)



(aus einem Vortrag von Swami Tirtha, Abend des 10.01.2019, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

Frage von Yadunath: Wer kann die spirituellen Meister repräsentieren?

Swami Tirtha: Im Allgemeinen kann man sagen, dass jeder Schüler den spirituellen Meister repräsentiert. Denn an der Frucht erkennt man den Baum. Alle Schüler sind Früchte des Baumes, also repräsentieren sie den Baum. Dennoch gibt es schöne Früchte und es gibt… kleinere. Manche haben ein biologisches System im Inneren. Andere sind auf den Boden gefallen. Es gibt verschiedene Früchte am selben Baum. Manche sind reif, schmackhaft, saftig; andere sind etwas sauer. Aber im Allgemeinen kann man sagen, dass jeder einzelne Schüler das Recht hat, seinen spirituellen Meister zu repräsentieren. Und das Gegenteil ist ebenfalls wahr: Anhand deiner Person werden die Menschen deinen Meister verstehen – sie werden über deinen Meister, deinen Glauben und deinen Gott urteilen. Wenn du dich töricht verhältst, werden sie sagen: „Ah, du hast eine dumme Religion, deshalb bist du dumm.“ Wir müssen also sehr vorsichtig sein, was diese Repräsentation angeht. Denn wir stehen nicht allein da.

Gleichzeitig denken wir meistens: Den spirituellen Meister zu repräsentieren, bedeutet, ein Nachfolger zu sein – liege ich da richtig? Normalerweise kann diese Repräsentation, solange der Meister noch lebt, nur auf der Basis einer Bevollmächtigung geschehen – wenn der Meister die Position an einen ausgewählten Schüler überträgt: „Du bist mein Repräsentant.“ Das nennt man das Ritvik-System – wenn ein oder mehrere Schüler den spirituellen Meister in bestimmten Funktionen vertreten. Und wenn sich der Meister von diesem Planeten Erde zurückgezogen hat, dann ergibt sich für alle Schüler die Möglichkeit zu dieser allgemeinen Repräsentation des spirituellen Meisters. Sie sind berechtigt, ihre Meister zu repräsentieren sowie die Mission und die Linie gegenüber anderen zu vertreten. Und manchmal repräsentiert man unsere Tradition auf sehr einfache Weise – indem man ein netter Mensch ist und die Leute den eigenen Glauben sowie die Zugehörigkeit zu einer spirituellen Tradition schätzt. Oder manche treten offiziell auf, teilen die Botschaft, die sie von ihrem Meister gelernt haben, und laden andere ein, sich anzuschließen. Dies ist eine besondere Art der Repräsentation – wenn wir versuchen, die Mission unserer Meister fortzuführen. Höchstwahrscheinlich werden nur wenige Geweihte diese Art von Dienst leisten. Ein, zwei oder wenige Nachfolger werden die Mission offiziell als spirituelle Autoritäten weiterführen.

Doch eigentlich ist die unsichtbare Mission des Meisters das Wichtigste. Diese innere Repräsentation ist bedeutender als alle äußeren Aktivitäten. Wie können wir dem spirituellen Meister angemessen dienen oder ihn vertreten? Ich denke, ihr alle kennt die Antwort: indem man den Lehren auf rechte Weise folgt. Doch wem die spirituelle Kraft übertragen wird, um den Großteil der missionarischen Tätigkeiten fortzuführen – das hängt von Krishnas Gnade ab. Es ist keine menschliche Entscheidung. Manchmal haben wir Meister erlebt, die entschieden haben: „Er wird mein Nachfolger sein.“ In einigen Fällen hat das gut funktioniert. In anderen Fällen haben wir gesehen, dass es nicht geklappt hat. Irgendwie wurde die spirituelle Kraft einer anderen Person übertragen, nicht der offiziell gewählten. Es hängt also von Krishnas Gnade ab. Im „Krishna-Buch“ wird sehr schön beschrieben, wie dies geschieht. Meister, Lehrer oder Heilige verfügen über eine besondere Kraft, die vom Höchsten stammt. Wenn sie sterben, wenn sie von diesem Planeten Erde scheiden, entsteht ein Vakuum. Doch die Kraft ist weiterhin vorhanden. Und diese spirituelle Kraft bedarf einer Person, die sie weiterträgt. Daher kann ich sagen, dass diese göttliche Fügung eine Person finden wird, die sich so erhebt und vervollkommnet, dass sie ein würdiger Repräsentant wird – selbst wenn sie es anfangs noch nicht ist. Es heißt also, dass diese göttliche Kraft auf jemanden herabsteigt und dann wieder zu wirken beginnt. Manchmal geschieht dies im Einklang mit den gewählten und übertragenen offiziellen Positionen, manchmal auch nicht. 

Doch alle qualifizierten Schüler haben das Recht, ihre Meister zu vertreten. Die Unqualifizierten haben dieses Recht zwar nicht, doch auch sie werden ihre Meister repräsentieren. 

Doch welcher wahre Schüler würde von sich sagen: „Ich kann meinen Meister vertreten“? Ich denke, das ist unmöglich, nicht wahr? Man kann die Sonne nicht ersetzen, wenn sie untergeht. Man kann die Sonne nicht ersetzen. Gurudev wurde von seinen Brüdern als der „Strahlende Stern des Orients“ bezeichnet. Wie kann man einen hellen Stern ersetzen? Das ist unmöglich! Wenn er einmal fort ist, ist er fort. Natürlich sollte er stets am Horizont deines inneren Herzens präsent sein. Und eine hingegebene Seele würde empfinden: „Es ist nicht mein Leben. Mein Gott, meine geliebtes Murti, mein Meister lebt durch mich.“ Dann werden Sie Sich selbst offenbaren. Es ist lediglich eine Frage der Hingabe.

Genau das geschah im Fall von Mahaprabhu. Einmal begegnete Er einem Brahmana, der ein sehr feines Gespür für spirituelle Zusammenhänge besaß. Sobald er Mahaprabhu sah, konnte er Seine Aura wahrnehmen; er spürte den Segen von Mahaprabhus spirituellem Meister. So trat er an Mahaprabhu heran und sagte: „Dandavat-pranam! Bist du nicht ein Schüler von Shripad Ishvara Puri?“ Und Mahaprabhu antwortete: „Ja, das bin ich.“ Wenn man also das richtige Auge besitzt, erkennt man den Meister im Schüler.

Wie die erfahrenen, älteren Gottgeweihten sagten: Als Shrila Prabhupada noch auf dieser Erde weilte, konnten die Menschen seine Gegenwart in seinen Repräsentanten wahrnehmen. Diesen Predigern wurde eine besondere Kraft übertragen. Doch als Prabhupada von uns ging, änderte sich dies. Es ist also eine höchst mystische Erfahrung, wie solche spirituellen Kräfte an Menschen weitergegeben werden. Man kann es nicht wirklich begreifen, und es ist auch nicht nötig, es zu analysieren. Genau darin liegt das Schöne an einer mystischen Erfahrung: dass sie einfach geschieht. Sie ist da, man kann sie wahrnehmen! Deshalb sind wir uns einig: Die Aura göttlichen Lichts sollte unsere Aktivitäten umhüllen und prägen. Nicht Leidenschaften, Ambitionen oder Ergebnisse, sondern diese göttliche Hingabe – sie sollte unsere Aktivitäten durchdringen.

Die Aufgabe der Repräsentation liegt nun bei euch. Nur zu! Zeigt anderen, was ihr gesammelt und was ihr verstanden habt. Teilt eure Schätze.



(aus einem Vortrag von Swami Tirtha, Abend des 10.01.2019, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

Frage von Yashoda: Könnten Sie bitte mehr über die spirituelle Trägheit sagen, die Sie erwähnt haben, und darüber, wie man tiefer in sein Inneres gelangt?

Swami Tirtha: Oh, die spirituelle Trägheit! Dieses Thema kenne ich sehr gut; und über das andere – tiefer zu gehen – weiß ich nichts. Ihr wisst, mein Thema ist Maya, Illusion, Brahman – das ist etwas, worüber ich sprechen kann. Aber Hingabe, göttliche Liebe, innere Einkehr…

Doch Spaß beiseite: spirituelle Trägheit – in diesem Zeitalter, in diesem Kali-Yuga, sind die Menschen in spirituellen Dingen träge. Für uns im Allgemeinen kommt Inspiration meist von sehr groben, sehr elementaren Ebenen. Höhere Inspiration – die verstehen wir nicht wirklich. Und spirituelle Dinge sind sehr erhaben; daher kann man allgemein sagen, dass die Menschen in spirituellen Belangen meist träge sind. Sie sind viel zu sehr von materiellen Ambitionen abgelehnt. Neulich haben wir über Karma, Vikarma und Akarma gesprochen – Handlung, sündhafte Aktivitäten und Handlungen ohne (materielle) Früchte. Aber es gibt eine besondere Kategorie von Karma: wenn man eine Gelegenheit für spirituellen Dienst verpasst. Das nennt man Nachlässigkeit. Man kann dies also auch als spirituelle Trägheit bezeichnen – man hat im richtigen Moment nicht gehandelt, und dieser Moment ist nun verloren. Jemand anderes hat diesen Dienst vollbracht. Deshalb müssen wir unsere Handlungsfähigkeit richtig einsetzen. Aber es reicht nicht aus, einfach nur beschäftigt zu sein – beschäftigt damit, Fortschritte zu machen. Denn wenn wir auf der äußeren Ebene bleiben, hilft uns das nicht wirklich weiter.

Du hast auch spirituelle Trägheit erwähnt, nicht wahr? Nun, auch auf verschiedenen Ebenen spiritueller Emotionen finden wir Trägheit. Als eine Art *Anubhava* oder besondere Folge bestimmter überwältigender Gefühlsregungen. Das kann man tatsächlich als positive spirituelle Trägheit bezeichnen – wenn man unfähig ist zu handeln. Erinnert euch  daran, wie sich Shrimati Radharani von Krishna vernachlässigt fühlte: Sie war so traurig, dass sie sich nicht bewegen konnte. Sie saß einfach auf der Erde und schrieb mit dem Finger in den Sand. Und hat auf den Moment des Wiedersehens gewarten.

Manchmal sehen wir also keine äußeren Handlungen, doch im Inneren geschieht sehr viel. Zu anderen Zeiten sehen wir zwar viel Aktivität auf der äußeren Ebene, aber im Inneren tut sich nichts – es findet keine Veränderung statt. In die Tiefe zu gehen bedeutet meiner Meinung nach, dass im Inneren mehr Dinge in Gang kommen.

(Fortsetzung folgt)



(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 10.01.2019 abends, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

Frage von Krishnapriya: Sie erwähnten die verlorenen Jahre ohne hingebungsvollen Dienst und sagten auch, dass wir uns unter den Devotees aufhalten können, ohne etwas zu tun. Wie kann man also erkennen, dass dies tatsächlich Fortschritt bedeutet und nicht Stillstand?
Swami Tirtha: Dazu brauchen wir den richtigen Blick, um zu urteilen und zu verstehen. Shrila Shridhara Maharaj sagt etwas sehr Wichtiges zu dieser Frage. Er sagte: Wenn ihr esst – fragt ihr dann jemanden, ob ihr zufrieden seid oder nicht? Wir fragen nicht, wir fühlen es. Wie heute – wir hatten die besondere Gelegenheit, den besten Koch der Welt zu besuchen. Und natürlich fühlen wir uns zufrieden. Schon beim Zuschauen, wie er die Suppe umrührt, fühlen wir uns einfach zufrieden. Wie wäre es erst, den Nektar zu kosten, der von ihm kommt?! Nachdem ich sein Prasadam gegessen hatte, fragte ich ihn nicht, ob ich zufrieden sei oder nicht. Ich sagte ihm: „Ah Baba, das war großartig. Ich bin sehr zufrieden.“ Man spürt es einfach.
Deshalb sagt Shrila Shridhara Maharaj, dass man anhand der Symptome seine Situation, seinen Zustand beurteilen kann. Was passiert, wenn wir essen? Der Hunger lässt nach, wir erhalten Energie und unsere Zufriedenheit steigt. Anhand dieser Symptome kann man also erkennen, ob man zufrieden ist oder nicht. Wenn wir dieses Prinzip auf unseren spirituellen Fortschritt anwenden, sollten manche Bedürfnisse gleich bleiben, andere sich ändern. Wenn man zum Beispiel denkt: „Ah, mein spiritueller Durst hat nachgelassen“, bin ich mir nicht sicher, ob das das beste Symptom ist. Er sollte vielmehr wachsen: „Gib mir mehr! Ich will mehr, ich will tiefer gehen!“ Wir können uns also darauf einigen, dass der spirituelle Hunger oder Durst wachsen sollte, anstatt abzunehmen. Gut, an diesem Beispiel haben wir verstanden, dass die umgekehrte Reihenfolge besser funktioniert – das ist das eigentliche Zeichen von Wachstum. Wenn wir diese umgekehrte Reihenfolge also auf das zweite Prinzip anwenden, ist das nicht gut. Deine Energie sollte wachsen. Und schließlich sollte deine innere Zufriedenheit wachsen. Egal, ob ihr die eine oder die umgekehrte Reihenfolge anwendet, unsere innere Zufriedenheit sollte definitiv wachsen.
Das ist die Wissenschaft oder die Kunst der Zufriedenheit – wenn wir kleine Tropfen Nektar finden, sollten wir sehr zufrieden sein. Aus dieser Analyse können wir, denke ich, zu einem besseren Verständnis unserer Position gelangen. Hat sich meine Unwissenheit verringert? Wenn wir sagen können: „Ja, sie hat sich verringert“, dann ist das ein gutes Zeichen. Habe ich mehr Inspiration für spirituelle Praktiken? Wenn wir sagen können: „Ja, ich habe mehr Inspiration“, ist das ein gutes Zeichen. Bin ich zufriedener mit meinem Leben im Allgemeinen? Und wenn du „Ja“ sagen kannst, ist das ein gutes Zeichen.
Letztendlich können wir aber hinzufügen, dass es nicht unsere Aufgabe ist, unseren Fortschritt zu beurteilen. Wenn andere sagen: „Ah, diese Person hat so große Fortschritte gemacht“, ist das das beste Zeichen.
Aber was befindet sich im Zentrum dieses Herzlotus? Selbstanalyse, richtig? Selbstreflexion. Versucht immer, eure Position besser und besser zu verstehen. Und das ist keine weitere egoistische Fokussierung auf uns selbst, sondern wir müssen verstehen, was wir tun und was wir lassen sollten. Dennoch werden wir oft, wenn wir zurückblicken, denken: „Ach, ich habe so viele Jahre verschwendet, sogar in meinem spirituell aktiven Leben.“ Wenn es nicht an spiritueller Faulheit, Nachlässigkeit oder anderen individuellen Schwächen liegt, sollten wir dies als Preis akzeptieren, als notwendigen Teil unserer Entwicklung. Ihr könntet sagen: „Wenn es anders gelaufen wäre, hätte ich mehr erreichen können.“ Aber ihr habt nicht mehr erreicht. Ihr seid hier, eure Position ist diese, eure Aufgabe ist diese. Und alles, was vorher geschah, hat euch geholfen, diesen jetzigen Zustand zu erreichen – das war also notwendig.
Und hier kommt etwas Wichtiges. Wir können eine Situation beurteilen oder einen Menschen auf zwei Arten verstehen. Die eine Methode ist: die Vergangenheit analysieren. Die andere Methode ist: die Zukunft analysieren. Wenn man also die Quelle, den Hintergrund, die Gründe analysiert, kann man etwas verstehen. Durch die Analyse der Vergangenheit kann man die Gegenwart verstehen. Aber eine Vision für die Zukunft zu haben, das Ziel vor Augen zu haben – daraus kann man die gegenwärtige Situation ableiten. Das ist ein völlig anderer Ansatz. Wenn man eine Situation anhand ihrer Konsequenzen versteht, halte ich das für sehr weise. Man sagt, man könne einen Baum an seinen Früchten erkennen. Das bedeutet, an den Ergebnissen kann man den Ursprung erkennen. Genauso können wir, wenn wir das Ziel unseres Lebens kennen – die bezaubernde Schönheit der Radha-Govinda-Lila –, daraus den Weg ableiten. Seid also klug! Denn wenn ihr von hier aus nach oben schaut, könntet ihr euch verirren. Aber wenn ihr eure gegenwärtige Situation im Hinblick auf euer zukünftiges Ziel, eure zukünftige Errungenschaft versteht, dann könnt ihr sehr präzise entscheiden, was zu tun ist und wie. Ich denke, das ist Fortschritt – wenn wir nicht von unserer Vergangenheit besessen sind, sondern vielmehr hart an unserer Zukunft arbeiten.

(Fortsetzung folgt)