Deutsch issues

(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 10.01.2019 abends, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

Einst fragte ein junger Mann seinen Meister: „Wie finde ich meine Bestimmung im Leben?“ Ist das eine gute Frage? Ich denke, es ist eine sehr berechtigte Frage. Denn wenn man den Sinn seines Lebens nicht kennt, wie soll man dann leben? Man verschwendet weitere Jahre seines Lebens, und dann wird es schwieriger, die Balance zu finden. Er hatte also diese Frage, und der Sadhu gab ihm eine konkrete Antwort. Er sagte – genau wie der Wahrsager im vorherigen Vortrag: „Ich sehe zwei Wege.“ Der eine Weg ist der, den wir seit unzähligen Leben praktizieren: Wir versuchen, unseren Platz zu finden. Wir probieren diesen Beruf aus, er gefällt uns nicht, und wir versuchen, ihn zu wechseln. Wir probieren jenen Beruf aus und wechseln ihn dann wieder. Wir versuchen eine bestimmte Rolle in unseren Leben und scheitern dann. Wir versuchen uns in einem anderen Lebensbereich und genießen es. Genau das tun wir also ständig – wir versuchen, unseren Platz zu finden. Eine Zeit lang suchen wir Zuflucht, aber früher oder später werden wir sie wieder verlassen, weil wir spüren: „Das ist nicht meine wahre Bestimmung, das ist nicht der richtige Platz für mich.“ Das können wir als experimentelle Methode bezeichnen – um sozusagen seinen richtigen Platz, seine Bestimmung zu finden.

Die andere Methode ist, eine Autoritätsperson zu fragen: „Bitte sag mir, was gut für mich ist.“ Denn wenn ich es nicht weiß, kann ich versuchen, meinen Platz zu finden, oder ich kann zu jemandem gehen, der es weiß, und direkt fragen: „Sag mir, was soll ich tun?“ Normalerweise wissen wir, wer unsere Mutter ist. Wenn man also wissen möchte, wer der Vater ist, kann man eine biologische Analyse oder einen Gentest machen lassen. Oder man kann einfach zur Mutter gehen und fragen: „Meine liebe Mutter, bitte sag mir, wer mein Vater ist.“ Und sie wird es uns erzählen.

Autorität bedeutet also Wissen, absolute Überzeugung. Wissen über unsere Grenzen hinaus – das können wir als Autorität bezeichnen. Die Autorität ist derjenige, der es weiß. Wenn ihr also euren richtigen Platz in diesem Leben finden wollt, könnt ihr weiter suchen, oder ihr könnt eine Autorität finden und sie fragen: „Bitte sag mir, welcher ist der richtige Platz für mich, welche ist die richtige Perspektive für mich?“ Welche Methode bevorzugt ihr also?

Antwort: Die einfache – zu fragen.

Swami Tirtha: Theoretisch bevorzugen wir die Befragung, aber praktisch gehen wir den anderen Weg – immer wieder versuchen. Und ich stimme dem vollkommen zu: Wenn wir eine Anweisung erhalten und versuchen, ihr zu folgen, ist das nicht einfach. Dennoch ist es sehr ehrenvoll, wenn wir der Anweisung folgen können.

(Fortsetzung folgt)

 



(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 10.01.2019 abends, Sofia)

Swami Tirtha: Es ist nie zu früh, einer spirituellen Gemeinschaft beizutreten. Manchmal kommen wir etwas später. Manchmal genau richtig. Wie alt ist deine liebe Tochter?
Antwort: Fünf Monate.
Swami Tirtha: Seht ihr? Für sie wird es sehr einfach, genauso viel Zeit im hingebungsvollen Dienst zu verbringen wie zuvor ohne. Wie sieht es mit eurem Gleichgewicht aus? Je später ihr anfangt, desto schwieriger ist es, dieses Gleichgewicht zu erreichen. Wenn  ihr beispielsweise mit 20 Jahren anfangt, müsst ihr genauso viel Zeit investieren, um dieses Gleichgewicht zu erreichen. Und mit 40 Jahren befindet ihr euch auf Augenhöhe: mit und ohne Hingabe. Je später wir anfangen, desto schwieriger ist es, dieses Gleichgewicht zu erreichen. Und natürlich geht es hier nicht nur um materielle Dimensionen, wie die Anzahl der Jahre, die man im hingebungsvollen Dienst verbracht hat, denn wir können sehr faul sein, obwohl wir hier sind; und wir können uns auch sehr intensiv unserer hingebungsvollen Praxis widmen. Die Intensität zählt also auch – wie viel Hingabe wir bereit sind, unserem Dienst zu widmen. Wenn wir zu spät anfangen, ist dieses mathematische Gleichgewicht vielleicht etwas, das wir in einem Leben nicht erreichen können. Denn wenn man mit 50-60 anfängt, ist es nicht sicher, ob man weitere 50-60 Jahre hat, um den früheren Lebensstil auszugleichen. 

   Aber zum Glück gibt es eine Abkürzung. Soll ich sie euch verraten? Nun, ihr müsst eine große Persönlichkeit werden. Denn für sie zählen Jahre anderthalbmal so viel. Sie verbringen ein Jahr, und es entspricht anderthalb Jahren. Oft spüren wir diesen Wandel der Dimensionen, nicht wahr? Sie verbringen einen Tag, und er fühlt sich wie ein Augenblick an. Manchmal vergehen nur wenige Minuten, und es fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Sogar unsere Zeitwahrnehmung hängt von unserem spirituellen Zustand ab.

  Das geschah auch Krishna, als er die Erde besuchte. Er war ein kleiner Junge und begann, sich wie ein Held zu verhalten. Er war seinem Alter, gerechnet nach Jahren, weit voraus – man sagt, mindestens anderthalbmal so alt. Ein Jahr von ihm wurde als anderthalbfaches Alter angerechnet. Als er also fünf Jahre alt war, war er in der Tiefe der Wirklichkeit sieben oder acht Jahre alt. Oder als er Vrindavan mit etwa neun oder zehn Jahren verließ, war er fast fünfzehn. Wenn ihr also die verlorenen Jahre eures Lebens ausgleichen möchtet, werdet bitte schnellstmöglich zu einer herausragenden Persönlichkeit und so könnt ihr eure Lebenszeit schneller aufwiegen.

Im “Shrimad Bhagavatam“– der wohl wichtigsten wissenschaftlichen Offenbarung Gottes – heißt es, dass selbst kurze Zeit in der Gesellschaft reiner Gottgeweihter oder erhabener Heiliger die vielen vergeudeten Leben vergangener Geburten ausgleicht. Deshalb sollten wir die uns gebotene Gelegenheit nutzen. Volle Erleuchtung kann in einem Augenblick geschehen. Doch die Vorbereitungszeit ist meist sehr lang. Wer hilft uns dabei? Die göttliche Einladung, der Drang, materielle Beschränkungen und Leiden zu überwinden, die Sehnsucht der Seele und die Unterstützung unserer Lehrer.

So beschäftigen wir uns derzeit mit einer ganz besonderen symbolischen Form – dem Mandala. Letzten Sommer haben wir in Ludashto, an unserem Wohnort, ein lebendiges Mandala erschaffen. Wir stellten die Verehrung und den Heiligen Namen in den Mittelpunkt. Anschließend versammelten wir uns alle konzentrisch um dieses Zentrum – auf einer schönen, harmonischen Weise. Vergesst  nicht, dass wir besprochen haben, dass im Zentrum unseres Verständnisses des spirituellen Himmels eine Lotusblume steht. Sie ist durch eine quadratische Form geschützt, um sie von allem Äußeren abzugrenzen. Daher können wir sagen, dass die Anordnung von Goloka Vrindavan ein Lotus-Mandala ist. Und wir haben versucht, dieses lebendige Mandala in Ludashto zu erschaffen – bitte erkennt  daher die Parallelen.

(Fortsetzung folgt)



Jul

23

(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 10.01.2019, morgens, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

Dies ist unsere Vision vom spirituellen Himmel: Das göttliche Paar befindet sich im Zentrum, göttliche Energien umgeben sie. Das Mahamantra ist auf den Blütenblättern dieser Lotusblume geschrieben. Wunderschön! Alle Partner Krishnas sind anwesend. Alle spirituellen Errungenschaften wie Siddhis, Kräfte, Wissen und alles andere erstrahlen dort in voller Pracht. Auch jeglicher Schutz ist dort, sodass keine Einmischung stattfindet. Und dies ist der Ort, an den wir gelangen wollen.

„Der Herr von Gokula ist die Höchste Persönlichkeit Gottes, erfüllt von ewiger ekstatischer Glückseligkeit. Er ist der Beste und Erhabenste unter all diesen überaus mächtigen Persönlichkeiten. Und mit glücklichem Herzen genießt er die Glückseligkeit seines göttlichen Reiches. Die materielle Energie hat dort keinen Kontakt, keine Verbindung.“ [1]

Vergisst nicht, das Mahamantra ist auf den Blütenblättern dieser göttlichen Lotusblume geschrieben. Wenn euer Herz einmal etwas schwer ist und ihr das Gefühl habt, den Geschmack des Heiligen Namens zu verlieren, denkt einfach an dieses Bild. Es ist so schön! Vielleicht habt ihr ein paar Fragen?

Frage von Shyama Tulasi: Gestern waren wir uns einig, dass wir zur Reinigung des Herzens mehr chanten müssen. Und im Shikshashtaka sagt Mahaprabhu, dass wir immer wenn wir chanten wollen, demütiger sein müssen als ein Grashalm. Meine Frage betrifft die Demut, weil ich sie nicht verstehe.

Swami Tirtha: Das ist ein gutes Zeichen. Wenn sich jemand für Demut interessiert, wird er oder sie höchstwahrscheinlich ein Devotee werden.

Shyama Tulasi: Liegt Würde und Selbstachtung in der Demut?

Swami Tirtha: Sicher! Natürlich!

Shyama Tulasi: Weil wir Demut oft mit der Leugnung unserer Fähigkeiten verwechseln…

Swami Tirtha: Ja. Das ist falsches Ego. Ich erwähnte neulich, dass es dasselbe Problem ist, sich selbst zu überschätzen oder zu unterschätzen. Man konzentriert sich immer noch auf sich selbst. „Oh, ich bin der ergebenste Diener.“ 

Aber ich denke, das ist eine wichtige Frage, ein wichtiges Thema. Denn nach meinem bescheidenen Verständnis ist Demut manchmal sehr stolz. Wir sind sehr stolz. Stolz auf Gott. Stolz auf unseren Lehrern. Aber demütig uns selbst gegenüber. Wenn wir mit einem Staubkorn verglichen werden, wo bleibt dann unser Ansehen? Ich hörte einmal die Geschichte eines Menschen: „Ich ging zu einer Wahrsagerin.“ Seht ihr, es gibt tatsächlich einige Kunden für solche Angebote. „Und ich wollte mehr über meine früheren Leben erfahren. Dann stellte sich heraus, dass ich zur Zeit Jesus lebte. Kein besonders hohes Leben – nur ein Staubkorn. Aber tatsächlich ein Staubkorn an einem besonderen Ort – ganz nah am Kreuz Jesus. Und was geschah? Ein Tropfen des Blutes des Herrn kam auf mich.“ Meine Lieben, würdet ihr mir diese Geschichte glauben? Ich denke, ihr versteht etwas von Demut. „Ich bin ein Staubkorn. Aber ein besonderes. Mit einem Tropfen des Blutes des Herrn Jesus auf mir.“ Na kommt schon!

Also, Demut. So drücken wir unsere Dankbarkeit aus. So drücken wir unseren Respekt und unsere Bereitschaft aus, zu lernen und zu dienen. Wahre Demut sollte, denke ich, sehr positiv sein. Selbstreflexion sollte echt sein, damit wir uns unseren Stärken und Schwächen stellen können. Und wenn wir uns auf irgendeine Weise in eine spirituelle Gemeinschaft einfügen, dann können wir verstehen, dass es am besten ist alle unsere Verdienste und unser ganzes Ansehen durch dienen den anderen zu widmen . Wenn wir also in irgendeiner Hinsicht herausragend sind, dann sind wir herausragend im Dienst. Wir wollen unsere Fähigkeiten als Opfergabe einsetzen. Und wenn wir uns auf irgendeine Weise in diese liebevolle, göttliche Partnerschaft einfügen, dann ist dies meiner Meinung nach die wahre Ermutigung für ein gesundes spirituelles Selbstwertgefühl. Leugne es also nicht; widme dich ihm. Vernichte nicht deine falsche Identität, sondern reinige sie und opfere sie auf.

1. Brahma Samhita, 5.6



(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 10.01.2019, morgens, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

Gokula besitzt eine besondere Schutzgrenze, und dieses geheimnisvolle Quadrat heißt Shvetadvip und umschließt Gokula. An den vier Seiten dieses Quadrats befinden sich die Wohnstätten von Vasudeva, Sankarshana, Pradyumna und Anirudha. Diese vier einzelnen Wohnstätten werden auch durch die vier verschiedenen menschlichen Bestrebungen geschützt: Dharma (die Wahrheit), wirtschaftlicher Fortschritt, Leidenschaft und Moksha (die Befreiung). Die Grundlage dieser Bestrebungen bilden verschiedene vedische Mantras – Rigveda, Samaveda, Yajurveda und Atharvaveda – die diesen verschiedenen Wohnstätten gewidmet sind. Es gibt zehn Himmelsrichtungen: die vier Hauptrichtungen, die vier Nebenrichtungen sowie die Auf- und Abwärtsrichtung. Diese zehn Himmelsrichtungen werden von zehn Dreizacken bewacht. Die vier Hauptrichtungen sind mit acht mystischen Schätzen geschmückt, die mystische Kräfte repräsentieren.“ Sind die Mahapadma, Padma, Shankha, Makara, Kaccha usw. Diese Richtungen werden von den Digpalas, den Beschützern der Himmelsrichtungen, beschützt. Und all die verschiedenfarbigen Begleiter des Herrn, die in bläulichen, gelblichen, rötlichen und hellen Farben erstrahlen, umgeben sie. Hinzu kommen die wunderbaren Energien, angeführt von Vimala.“[1]

Was sehen wir hier also? Eine Diamantsäule in der Mitte, umgeben vom Hexagramm, und die Lotusblume gleicht einem Kreis. Nun kommen wir zu einem Quadrat. Dieses Quadrat trennt die göttliche Sphäre vom äußeren Raum. Wenn ihr euch ein Yantra-Mandala in Indien anseht, werdet ihr diese Struktur finden. Außen befindet sich ein Quadrat, innen ein Kreis; nähert man sich dem Zentrum, findet man spezielle Diagramme und in der Mitte einen Punkt. Und diese vier Hauptrichtungen werden von den vier primären Aspekten Krishnas – Vasudeva, Sankarshan, Pradyumna und Anirudha – beschützt und beherrscht. Sie spielen eine sehr wichtige Rolle in der weiteren Schöpfung und repräsentieren das kosmische Prinzip der Schönheit, das kosmische Prinzip der Identität, das kosmische Prinzip der Intelligenz usw.

Dann folgt der nächste Schritt: Die vier menschlichen Bestrebungen helfen uns, uns dem Göttlichen anzunähern. Sie sind wie Tore zum göttlichen Reich. Und die Veden mit ihrem Wissen unterstützen diese menschlichen Bestrebungen. Doch wie öffnet man die Tür? Nehmen wir an, Sie kommen aus der Richtung des Dharma. Stellen Sie sich vor: Sie haben in diesem weltlichen Leben alles erreicht, alle Mantras rezitiert, alle Rituale vollzogen, alle Anarthas abgelegt und sind frei von jeglichen Bindungen. Sie sind durch die Tür des Dharma zu den Toren von Goloka Vrindavana gelangt. Doch wie öffnet man diese Tür? Sie ist verschlossen. Stellen Sie sich vor: Nach so vielen Leben, die Sie Ihrer spirituellen Praxis gewidmet haben, stehen Sie schließlich vor einer verschlossenen Tür. Und wenn Sie aus irgendeinem Grund den Schlüssel vergessen haben, müssen Sie umkehren. Und was ist der Schlüssel zu dieser Tür? Es ist das fünfte Prinzip, Prema. Wenn wir Prema besitzen, öffnen sich alle Türen. Also bitte, meine Lieben, vergesst nicht, euren Schlüssel mitzunehmen.

Die Veden unterstützen also diese menschlichen Bestrebungen, und dann? Zehn Dreizacke sind in zehn Himmelsrichtungen gerichtet: Osten, Süden, Westen, Norden, Nordosten, Südosten, Südwesten, Nordwesten, einschließlich Zenit und Nadir. Was bedeutet das? Dreizacke – inmitten der spirituellen Lotusblume im spirituellen Reich? Wie ist das möglich? Ein erhobener Arm im spirituellen Himmel?! Warum sind dort Waffen? Nur um die Materialisten einzuschüchtern. Wir müssen die höchsten Ideale schützen – vor Korruption, vor Übergriffen usw.

Diese Edelsteine ​​repräsentieren die wichtigsten mystischen Kräfte im Yoga. Zum Beispiel die Zukunft lesen –klingt das nicht toll? Normalerweise halten wir das für etwas ganz Besonderes, etwas sehr Erhabenes. Aber eigentlich ist das eine sekundäre Siddhi. Denn wenn jemand feinfühlig ist, kann er die Eindrücke deiner Vergangenheit lesen und die Prophezeiung deiner Zukunft erahnen. Aber wenn du dich an einen reinen Anhänger wendest, um deine Zukunft lesen zu lassen, kann auch er sie dir vorhersagen. Er wird sagen: „Hmm, ich sehe zwei getrennte Wege in deinem Leben. Wenn du den einen Weg wählst, wirst du sterben. Wenn du den anderen wählst, wirst du ewig leben.“ Wenn also jemand Probleme im Beruf hat, kann man so ein Beratungsatelier eröffnen. Man kann ganz einfach Wahrsager werden. Und wenn man ein ausreichend mystisches Umfeld hat, werden die Leute einem die Sachen wie verrückt abkaufen. „Ich sehe zwei getrennte Wege in deinem Leben.“ Tatsächlich brauchen die Menschen nur ein wenig Inspiration, um weiterzumachen. „Ja, betet mehr! Das ist die Lösung für euer Problem!“ Wisst ihr, wenn ein Priester das sagt, hört niemand zu. Aber wenn ihr dieselbe Botschaft von einer anderen Quelle hört, dann werdet ihr sie annehmen. Wenn Swami Tirtha sagt: „Gebt euch mehr dem göttlichen Dienst hin“, werdet ihr gähnen: „Ach, wie oft habe ich das schon gehört!“ Aber wenn ihr an einem Motivationstraining teilnehmt und der Trainer sagt: „Was immer ihr tut, tut es zu 100 %“, dann wird es für euch eine Offenbarung sein: „Jetzt habe ich die Lösung für all meine Probleme gehört. Was immer ich tue, muss ich zu 100 % tun.“ Aber das ist die Botschaft von Shrila Shridhara Maharaj. Bitte lest die Bücher. Ihr werdet dasselbe darin finden.

1. Brahma Samhita, 5.5



(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 10.01.2019, morgens, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

Hier wird etwas sehr Wichtiges erwähnt: „Der ewige Wirbel von Gokula ist Krishnas sechseckige Residenz“[1]. Der sechseckige Stern – als Davidstern bezeichnet – ist das Symbol einer anderen bedeutenden Tradition. Doch tatsächlich handelt es sich nicht um den Davidstern, sondern um den Stern von Gokula. Erst vor Kurzem wurde er mit der jüdischen Tradition in Verbindung gebracht. Im Orient findet sich dieses wichtige Symbol in vielen verschiedenen Тraditionen. Allgemein lässt sich sagen, dass zwei sich treffende Dreiecke einen Sechseck bilden. Das eine repräsentiert das männliche Prinzip, das andere das weibliche. Daher verstehen wir, dass im Wirbel dieser Lotusblume der vorherrschende Aspekt des Höchsten verborgen ist.
Aber es klingt sehr trocken, sehr theoretisch und ist schwer verständlich. Um was geht es eigentlich? Dominiert? Das ist zu kompliziert für uns! Aber wenn ich sage: In dieser wunderschönen Lotusblume tanzen Radha und Govinda in der Mitte – dann versteht ihr es ganz leicht. Nicht wahr? Vergisst diese trockene Philosophie. Versucht, euch dem Tanz anzuschließen, dem ewigen Tanz von Radha und Govinda in Einheit.
Doch laut den Erklärungen von Bhaktisiddhanta Saraswati Thakur gibt es diesen dominierenden und beherrschten Aspekt des Höchsten. Der dominierende Aspekt ist Krishna, Govinda, und der beherrschte Aspekt ist Radhika. Auf den ersten Blick ist alles klar. Denn es ist wie ein Tanz. Jemand muss den Tanz anführen. Der Führende ist der dominierende Aspekt, und die Person, die sich dem Tanz anschließt, ist der beherrschte Aspekt. Und dann ist die Choreografie wunderschön. Doch ohne den anderen Partner kann der Tanz niemals stattfinden. Dann ist es ein Solo, was etwas langweilig ist.
In diesem Sechseck treffen also der vorherrschende und der beherrschende Aspekt aufeinander, die beiden Dreiecke treffen sich. Daher rief Bhaktisiddhanta Saraswati Thakur einst aus: Vergesst diesen Monotheismus. Wir sind Dualisten. Wir mögen die vorherrschenden und die berherrschenden Aspekte dieser einen Einheit, denn wie kann man Radha und Govinda trennen? Man kann sie nicht trennen. Also eins und doch verschieden, verschieden und eins zugleich – ein sehr hohes Konzept.
Dann heißt es im nächsten Vers: „In diesem ewigen Reich Gokulas befindet sich ein Wirbel, und dies ist die sechseckige Residenz Krishnas. Diese transzendentale Lotusblume hat Blütenblätter, und diese Blütenblätter sind die Wohnstätten der Kuhhirtenjungen, die ein Teil Krishnas sind. Sie hegen eine ausschließliche, liebevolle Verbundenheit zu Krishna. Und ihrer ursprünglichen Natur entsprechend sind sie untrennbar mit Ihm verbunden. Diese Blütenblätter erheben sich wie Mauern und strahlen wunderschönes Licht aus. Die äußeren Blütenblätter sind die transzendentalen Dhams oder Waldunterkünfte für die Gopis unter der Führung von Shrimati Radharani.“[2]
So können wir Krishnas Umgebung und sein Gefolge sehen und verstehen. Im Zentrum der Schöpfung, als Lotusblume, tanzen Radha und Govinda. Um sie herum sind ihre wunderschönen Gefährtinnen, die Gopas und die Gopis. Eine sehr ähnliche Beschreibung findet sich in der Bibel, aber sie ist etwas majestätischer, nicht wahr? Gott hat einen Thron, und einige Engel zittern vor seinen Füßen. Hier gibt es kein Zittern; nur Schönheit, Verbundenheit und freudige Gemeinschaft mit dem Höchsten. Und was ist das Wesen dieser Gefährtinnen? Ihr Wesen ist ebenfalls Sat-Chit-Ananda-Vigraha. Aber was ist ihr Zweck? Ihr Zweck ist es, die Zuneigung von Krishna zu teilen und sie zu vermehren. Das ist sehr wichtig, denn ursprünglich teilen auch wir diese Eigenschaften, Sat-Chit-Ananda-Vigraha, nicht wahr? Die nächste Frage ist also: Was ist der Sinn meines Lebens? Nun, diese ursprüngliche, liebevolle Einladung widerzuspiegeln und den liebevollen Dienst zu vermehren. Ist das nicht wunderschön? Wir haben einen Lebenssinn – das göttliche Licht widerzuspiegeln. Wir sind nicht aus der Dunkelheit geboren. Wir sind nicht geboren, um zu sterben. Nein, wir sind geboren, um zu leuchten. Um unsere ursprüngliche spirituelle Pracht zu offenbaren. Welch eine Perspektive!

(Fortsetzung folgt)

1. Brahma Samhita, 5.3
2. Brahma Samhita, 5.4



(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 10.01.2019, morgens, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

„Der überaus schöne Wohnort Krishnas wird mit einer wunderschönen tausendblättrigen Lotusblume verglichen. Dieser Zufluchtsort namens Gokula ist ein Ergebnis seines endlosen oder unbegrenzten Aspekts, Ananta, und die Blütenwirbel dieser Lotusblume sind Krishnas eigentlicher Wohnort.“[1]
Krishna ist der Gott der Schönheit, nicht wahr? Er ist so schön, dass er sich selbst bezaubert. Erinnert ihr euch? Sein Spiegelbild war atemberaubend. Welchen Wohnort können wir uns also für dieses überaus schöne Wesen vorstellen? Man kann ihn in einen Block setzen, in ein Haus, in einen Palast, in den Wald, aber letztendlich kann man ihn in die Blütenwirbel einer Lotusblume setzen. Findet den allerschönsten Ort für den schönsten Gott. Und im ersten Vers gab es diesen Anadi-Aspekt Krishnas, ohne Anfang; und hier kommt dieser Ananta-Aspekt hinzu – der Krishna mit dieser wunderschönen Lotusblume dient. Also kein Anfang, kein Ende – das ist spirituelles Leben. Für die auserwählten Seelen. Und was ist mit uns? Es sollte einen Anfang geben, denn zuvor lebten wir materialistisch, nicht wahr, und jetzt haben wir begonnen zu handeln, uns als Devotees zu präsentieren. Es gibt also einen Anfang, meine Lieben, aber es sollte kein Ende geben. Wenn also jemand den Weg zurück nach Hause findet, zurück zu dieser Lotusblume, wo Krishna wohnt, gibt es kein Ende. Dies ist also der wahre Wohnort Krishnas.
„Diese transzendentale Lotusblume hat ein sechseckiges Zentrum, und dies ist die Sphäre, in der Krishna weilt. Dies ist der Wohnsitz des vorherrschenden und beherrschten Aspekts des Absoluten, was auf ihre immanente Natur zurückzuführen ist.Wie ein Diamant steht der strahlende, höchste Krishna, die Quelle aller göttlichen Energien, als zentrale Achse. Er ist die Quelle aller spirituellen Energien. Und das heilige 18-silbige Mantra, aufgeteilt in sechs verschiedene Teile, wird auf diesen Blütenblättern dieser ursprünglichen Lotusblume offenbart.“ [2]
Sehr bedeutungsvoll! Zuvor dachten wir, es sei nur ein schönes Symbol der Natur, wie eine schöne Blume. Aber hier verstehen wir, dass diese Lotusblume etwas offenbart und weitere Geheimnisse birgt. Krishna steht in der Mitte wie eine Diamantsäule. Ist das nicht wunderschön? Eine weichblättrige Lotusblume und eine strahlende Diamantsäule! Om mani padme hum – da ist die Lotusblume, und da ist ein Diamant in ihrer Mitte. So preisen unsere lieben buddhistischen Brüder Govinda. In manchen schönen Stupas wird dieses Mantra ständig rezitiert. Manche verstehen es, manche verstehen es besser. Ich habe einen Freund bhakta, und als er eine sehr schöne buddhistische Stupa besuchte, ihr kennt diese Gebetsmühlen, auf denen das Mantra geschrieben steht, und man geht vorbei und dreht einfach die Mühlen. Und es gab etwa 108 solcher Gebetsmühlen um die Stupa herum. Also beschloss er, eine Parikrama zu machen und das Mahamantra über diesen Mühlen zu chanten.

(Fortsetzung folgt)

1. Brahma Samhita, 5.2
2. Brahma Samhita, 5.3

 



(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 10.01.2019, morgens, Sofia)

Am Anfang der Schöpfung, als Brahma mit der Ordnung des Universums begann, meditierte er. Dieses Beispiel lehrt uns: Wenn du etwas Großes beginnen willst – eine Pflicht, einen Dienst, ein Bestreben in deinem Leben –, meditiere am besten zu Beginn. Denke zuerst, dann handle. Denn wenn du zuerst handelst, wirst du es bereuen. Mehr Nachdenken führt zum Sieg, weniger Nachdenken zum Scheitern.
Brahma begann also mit dieser Meditation als Buße. Und was ist das Ergebnis einer richtigen Meditation? Eine Erkenntnis. Du wirst etwas verstehen, dir wird etwas offenbart. Oftmals sind wir im Leben verloren, wir wissen nicht, was wir tun, was wir wählen, wohin wir gehen sollen usw., selbst wenn wir sehr aktiv sind. Wenn ihr spürt, dass etwas nicht stimmt, nehmt euch Zeit. Statt der Euphorie des Handelns ist es besser, innezuhalten und zu meditieren. Denn wenn wir aktiv sind, gibt uns das ein gutes Gefühl – wir denken nicht, wir handeln einfach, es ist wie ein Flow. Doch manchmal erfordert es unsere ganze Achtsamkeit, und deshalb ist es notwendig, innezuhalten und zu meditieren: Wie ist unser Zustand, wie steht es um unser Leben usw.? Dann können wir Offenbarungen empfangen – um bessere Entscheidungen zu treffen, die Situation zu verstehen. Und dies geschah auch Brahma – nach seiner Meditation erlangte er diese Offenbarung, die in der „Brahma Samhita” zusammengefasst ist. Wenn ihr diese studiert, taucht ihr in die Meditation Brahmas ein.
Und was geschah dann nach dieser Vision, nach diesem vollständigen Verständnis? Danach begann er, Krishna-Govinda zu verherrlichen. Meditation, Offenbarung, Verherrlichung. Welcher dieser Hymnen ist also der erste? Ishvarah paramah krishnah/ sat-chit-ananda-vigrahah/ anadir adir govindah/ sarva-karana-karanam[1].
Das müsst ihr lernen, meine Lieben. Das müsst ihr lernen! Warum? Ich werde es euch sagen. Denn wenn ihr zu einem Vortrag eingeladen werdet, könnten manche denken, ihr wärt vielleicht nicht so ein Experte auf diesem Gebiet. Doch wenn ihr eure Rede mit einem solchen Zitat beginnt: „Meine lieben Brüder und Schwestern, heute bin ich mit einer Botschaft zu euch gekommen: ishvarah paramah krishnah…“ – dann wird jeder erstaunt sein. Aber Spaß beiseite, das müsst ihr euch einprägen, denn es gibt einen vollständigen Abschluss unseres Ansatzes, unseres spirituellen Dienstes.
Ishvarah paramah; ishvara ist „ein Herr, ein Aufseher“. Er ist also der höchste Aufseher, ishvara parama, der param ishvara; Und dieser Ishvarah Paramah ist Krishna – Krishna ist der Höchste Got. Und was ist Sein Wesen, was ist das Wesen dieser absoluten Autorität? Dies ist Sat-Chit-Ananda plus Vigraha – das ist die ewige, bewusste und glückselige Person, Vigraha bedeutet in diesem Sinne „Person“. So verpflichten wir uns dem persönlichen Aspekt Gottes – Sat-Chit-Ananda-Vigraha.
Anadir Adir; Adi bedeutet „erster“, Anadi bedeutet so sehr zuerst, dass es nichts vor Ihm gibt, keinen anderen Anfang vor Ihm – das ist Anadi. Wir finden den Anfang nicht, es gibt keinen
Anfang. Was befindet sich dann am anderen Pol dieser Zeitskala? Das eine ist kein Anfang, das andere ist kein Ende, richtig. Anadir Adir Govinda – Govinda ist der Erste-Erste, der Höchste Erste. Sarva- Karana-Karanam; Sarva bedeutet „alles“, Karana bedeutet „Ursache“ – Er ist die Ursache aller Ursachen.Dies ist die Auslegung der „Brahma Samhita”. Zuerst verkündet Brahma die Existenz Gottes, Krishna. Doch in welcher Form existiert Er? Als Govinda – daher die tiefe Bedeutung.
(Fortsetzung folgt)

1. Brahma Samhita 5.1



(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 09.01.2019, morgens, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

Frage von Kripadham: Da wir über Lotusblumen sprachen, gibt es ein bekanntes buddhistisches Mantra: Om Mani Padme Hum. Besteht ein Zusammenhang mit dem, was Sie beschrieben haben? Oder hat es eine andere Bedeutung?

Swami Tirtha: Eine andere Bedeutung? Das ist unser Mantra. Buddha ist unser Avatar. Was bedeutet der Lotus im Buddhismus? Natürlich gibt es unzählige Bedeutungen, aber eine wichtige Bedeutung des Lotus im Buddhismus ist das weibliche Prinzip. Es ist sehr ähnlich dem Konzept der geschaffenen Welt, dem universellen Prinzip, der kosmischen Ordnung – denn auch das ist weiblich. Insofern lädt der Lotus immer etwas ein. Er ist halb geöffnet und wartet darauf, dass die Biene hineinfliegt. Wenn du also Om sagst, bedeutet das für uns: „a“ – Akara, „a“ steht für Krishna; „m“ für den Menschen, und das „u“ zwischen den beiden für Radha. Wenn du also ein Mantra mit Om beginnst, kann es niemand anderem gehören. 

Mani ist das Geld, der Schatz. Unter uns gesagt, gab es einen sehr klugen Schüler von Shrila Prabhupada, der viel aus dieser Energie erzeugen konnte. Sein Name war Gargamuni. Manchmal nannte Prabhupada ihn aber auch „Gargamoney“. Mani ist also der Schatz. Padme oder Peme auf Tibetisch bedeutet „im Inneren des Padma, im Inneren des Lotus“. Und Hum ist wie ein abschließendes Bija-Mantra. Om Mani Padme Hum – was bedeutet das? Der Lotus ist vereint mit der Hummel. Die kleine Hummel ist der verborgene Schatz im Lotus. Das wird die gesamte Manifestation der Schöpfung bringen. Om Mani Padme Hum ist wie ein geheimes Mantra, und auf allen Ebenen mystischen und symbolischen Verständnisses erkennen wir, dass sich dieses Geheimnis entfaltet, wenn die männlichen und weiblichen Prinzipien vereint sind. Für uns bedeutet Om Mani Padme Hum daher, dass Radha und Govinda sich bei Vollmond begegnen.

Warum? Weil man manchmal besondere Zeichen auf dem Körper Buddhas sieht. Erinnert ihr euch, welche besonderen Symbole sich auf Buddhas Körper befinden? Auf der Brust und manchmal auf den Handflächen? Dort ist die Swastika. Und was ist die Swastika? Sie ist das Sonnenkreuz, das Symbol des Lebens, der Wirbel des Lebens. Wenn sie sich jedoch auf Buddhas Brust befindet, dann ist sie Lakshmidevi, denn Buddha ist ein Avatar Vishnus, und Vishnu ist niemals von Lakshmidevi getrennt. Wie ist sie mit Buddha verbunden? Durch die Swastika. Swasti, was bedeutet Swasti? Ein erfülltes Leben, das ist ein gesegnetes Leben. Und Lakshmidevi ist dieser Segen. Die Swastika ist also ihre Repräsentation auf dem Herzen… dem Herzchakra Buddhas. Meine lieben Brüder, wenn ihr eure guten Frauen wie Lakshmidevi auf eurer Brust verehrt, dann werden alle Segnungen eurer Familie zuteil. Wenn ihr eure Frau wie eine Göttin verehrt – ich weiß, das ist eine sehr beliebte Bemerkung unter Frauen –, aber wenn ihr eure Frau wie eine Göttin verehrt, dann habt ihr die Möglichkeit, wie ein Gott zu handeln. Nun gut, ein Halbgott. Denn nur ein Gott kann eine Göttin wertschätzen. Aber das ist auch wahr: Nur eine Göttin kann einen Gott zufriedenstellen. Ich denke, die Bewältigung von Familienkonflikten ist sehr einfach: Behandelt einfach den anderen wie einen göttlichen Boten. „O, du Göttin!“ Nur den Tonfall solltet ihr anpassen.

Gut. Diese leidenschaftlichen Unruhen sind auch im Herzchakra, dem Herzlotus, vorhanden. Doch wenn wir diesen symbolischen Lotus immer öfter reinigen, wird er reiner, und unter dem Vollmond des Radha-Govinda-Lila wird er in eurem Herzen in voller Pracht erblühen. Daher meine demütige Bitte an euch alle: Versucht, den Spiegel eures Herzens zu reinigen. Und wenn ihr euch euer Herz nun als Lotusthron vorstellt, ladet das göttliche Paar ein, diesen Thron einzunehmen.



(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 09.01.2019, morgens, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

Priya: Was müssen wir aufgeben, um rein zu werden?

Swami Tirtha: Egoismus. Kurz gesagt. Einst fragte ein Anhänger Gurudev: „Gurudev, bitte sag mir, was stimmt nicht mit mir? Was ist mein eigentliches Problem?“ Das  war nicht ich, also fügt es nicht zu der Legende von Tirtha hinzu. Gurudev schwieg eine Weile, dann sagte er: „Wie in allen anderen Fällen: falsches Ego.“ Letztendlich ist es also das, was wir ablegen müssen – diese falsche Identität und alles, was damit verbunden ist: „Ich bin groß, ich bin klein, ich bin jung, ich bin alt, ich bin ein Mann, ich bin eine Frau.“ Ich kann, ich kann nicht – all das hängt mit deiner falschen Identität zusammen. Anders gesagt, wir können sagen, dass dies eine Einschränkung des menschlichen Bewusstseins ist und wir in diesem Sinne Freiheit brauchen. Aber Freiheit hat ihren Preis. 

Manchmal fragen die Leute: „Was ist der Preis deiner Errungenschaften?“ Das ist eine berechtigte Frage, nicht wahr? Shrila Shridhara Maharaj gab eine sehr tiefgründige Antwort. Am Anfang verstehen wir, dass kein Risiko auch keinen Gewinn bedeutet. Dann versuchen wir, unsere spirituelle Reise zu beginnen, und plötzlich denken wir: „Alles Risiko und kein Gewinn! Ich muss alles opfern. Ich habe es in der ersten Vorlesung gehört: ‚Totale Hingabe!‘ Und dann fügten sie hinzu: ‚Bedingungslose Gnade‘. Wenn sie kommt – gut, wenn nicht … Alles Risiko – ich muss mich ergeben; und kein Gewinn – vielleicht passiert gar nichts.“ Später, wenn ihr bei eurer Selbstanalyse realistisch wart, werdet ihr verstehen: „Etwas Risiko, etwas Gewinn.“ Und wenn ihr euer Ziel erreicht habt und zurückblickt, werdet ihr sehen: „Kein Risiko, nur Gewinn. Ich habe nichts verloren. Aber ich habe alles gewonnen, was möglich war.“

Genau das müssen wir ablegen – diese falsche Identität und alles, was damit zusammenhängt. Ich hörte einmal von einem Prediger; in seinen besten Zeiten hatte er ein großes Gefolge. Viele Menschen folgten ihm und dienten ihm, er war ein berühmter Prediger… Und dann plötzlich änderte sich alles, und er musste wie ein Bettler an Türen klopfen. Keine Helfer, keine Einladungen, keine lange Warteliste für seinen Darshan (persönliche Begegnung), sondern er musste als demütiger Bettler an Türen klopfen. Welche Situation ist vorteilhafter? Es ist offensichtlich, nicht wahr? Es ist viel besser, ein demütiger Bettler zu sein als ein aufgeblasener Asket. Das sollte unser Profil sein.

Und auch wenn wir denken: „Ach, ich bin so unbedeutend, dass ich an diesem speziellen Dienst nicht teilnehmen sollte“, dann ist das auch unser falsches Ego, nicht wahr? Einst sagte ein Anhänger zu Shrila Prabhupada: „Prabhupada, ich bin dein unbedeutendster Diener.“ Daraufhin sagte Prabhupada: „Mein Lieber, du bist in keiner Hinsicht der Unbedeutendste.“ Wir wollen in etwas großartig sein – entweder in Größe oder in unserer Unbedeutendheit, aber wir wollen einfach nur „groß“ sein. Krishna ist barmherzig genug, all unsere falschen Vorstellungen zu zerstören.

So wie im Fall von Brahma, als er um Darshan beim Herrn bat und dem Torwächter sagte: „Ich bin hier, lass mich ein.“ „Aber wer bist du?“ „Ich bin Brahma, Brahma! Sag einfach, dass ich hier bin.“ Da kam der Torwächter zurück: „Sie fragen: ‚Welcher Brahma?‘ Welcher Brahma  von den vielen?“ Und dann wurde er eingelassen und staunte. Er hatte vier Köpfe; und es gab einige, die ihm ähnlich waren, mit einem Kopf, zwei Köpfen. Aber er sah andere – mit zehn Köpfen, hundert Köpfen, tausend Köpfen. Da erkannte er seinen Platz. Richtig, manchmal müssen wir der Realität ins Auge sehen. Dann wurde er etwas demütiger. „Gut, ich bin nicht der Brahma. Ich bin nur ein kleiner Brahmche.“ Ob groß oder klein, jeder kann diese falsche Identität haben; im Grunde ist es das, was wir ablegen müssen.

Und im hingebungsvollen Leben ist dies kein schmerzhafter Verzicht oder Selbstkasteiung – das wahre Selbst zu erlangen, indem man sein eigenes Fleisch von sich abschneidet– nein. Nein, einfach Prasadam essen, singen, tanzen, chanten. Auf diese Weise wird sich deine wahre Identität offenbaren. Soll ich euch einen geheimen Weg der Reinigung verraten? Es heißt, der beste Weg, schlechte Gewohnheiten, Begierden und alle falschen Vorstellungen loszuwerden, sei Kirtan. Und nicht einfach KirtanKirtan, bei dem man tanzt. Und nicht einfach nur tanzender Kirtan, sondern springender Kirtan. Denn es heißt, wenn man mit hoch erhobenen Händen springt, wird alles Schlechte durch die Finger abgeschüttelt, man befreit sich von jeglicher Verunreinigung. Wenn wir also Bilder von Mahaprabhus Sankirtan-Gruppe betrachten, tanzen sie immer so. Nicht um sich zu reinigen, sondern um uns zu belehren.

Im Bhakti sind diese Selbstanalyse und Reinigung also wohltuend. Ein Freund fragte mich: „Ist es möglich, das falsche Ego auf sanfte Weise zu überwinden?“ Es ist möglich. Aber selbst dann wird es etwas schmerzhaft sein. Denn unsere Anhaftungen sind da.

 

(Fortsetzung folgt)



(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 09.01.2019, morgens, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

Wenn man beispielsweise einen Brief mit Milch auf ein Blatt Papier schreibt, ist er unsichtbar. Niemand kann ihn lesen. Wenn man zu sehr von Liebe erfüllt ist oder jemanden zu sehr verletzen möchte, schreibt man den Brief mit Milch. Niemand wird ihn verstehen. Niemand kann ihn lesen; nur diejenigen, die wissen, wie man den verborgenen Brief entschlüsselt. Und wie geschieht das? Tapaha – mit Feuer. Wenn man es erhitzt, werden die Buchstaben sichtbar. Was ist in unserem symbolischen Verständnis die Milch im Menschen?

Antwort: Nähren?

Swami Tirtha: Biologisch gesehen, ja. Aber spirituell gesehen ist sie unser Leben. Und was ist Liebe? Sie ist die Essenz der Milch, das Ghee. Diese beiden Dinge besitzen wir in Wirklichkeit – unser Leben und unsere Liebe, Prana und Prema. Und diese beiden Dinge müssen wir weitergeben. Wenn man also Milch erhitzt, kondensiert sie. Symbolisch gesehen fügt sich alles zusammen; wenn wir die Hitze des Tapas, der Askese, in unserem Leben anwenden, wird diese verborgene, gereinigte Botschaft offenbart. Wir können uns von schlechten Konditionierungen oder dem direkten Anartas befreien. Auch können wir uns von der falschen Anhaftung aufgrund guter Eigenschaften lösen. Auf diese Weise wird  das Herzchakra gereinigt. Und dann wird der Energiefluss für Meditierende ungehindert sein. Dies ist eine realistische Selbstanalyse, Selbstreflexion: Leugne deine Schwächen nicht, sondern stelle dich ihnen. Und mit dieser Askese, die dein Herzchakra, deinen Herzlotus, umgibt, versuche, sie zu reinigen.

Natürlich betrifft dieses System nur den durchschnittlichen Menschen. Es gibt noch eine andere Symbolik der Lotusblume, sagen wir, im mystischen, symbolischen Verständnis der Umgebung von Radha-Govinda. Aber das besprechen wir ein anderes Mal. Vielleicht habt ihr Fragen oder Anmerkungen?

Frage: Soweit ich das verstehe, dient diese Symbolik der verschiedenen Qualitäten, die auf den Lotusblättern entsprechend den Himmelsrichtungen verteilt sind, der Selbstanalyse. Und wenn wir unsere verborgenen Neigungen erkennen möchten, sollten wir diese Methode anwenden?

Swami Tirtha: Ja. Aber wir haben schon oft gesagt, dass man sein Herz, seine Gefühle etwas intelligenter machen und einige Gefühle mit dem Intellekt verbinden muss – also, wenn wir unseren Herzlotus mit dem tausendblättrigen Lotus vergleichen, dann kann man einige Blütenblätter entfernen, richtig? Selbstanalyse und Reinigung bedeuten, dass man etwas loslässt und sich etwas Höherem anpasst. Es genügt also nicht, festzustellen: „Ja, auf dem südlichen Blütenblatt meines Herzlotus befindet sich diese grausame Absicht. Ich bin zufrieden mit dieser Erkenntnis. Schön, endlich verstehe ich, was in meinem Herzen ist.“ Nein, gewisse Dinge müssen entfernt werden. Selbstreflexion ist der erste Schritt, Selbstreinigung der zweite – um all diese Hindernisse zu beseitigen.

Natürlich fragt man sich nun, wie das geht. Doch was ist die Antwort auf all die Fragen nach dem Wie? Chantet mehr. Denn was ist die Botschaft des ersten Verses des Shikshashtaka? Cheto darpana marjanam – das Herz ist wie ein Spiegel, reinige den Spiegel. Entferne die schlechten Instinkte, die schlechten Eigenschaften daraus. Reinigung des Herzens – wir kennen die Methode dafür, wir müssen sie nur richtig anwenden. Das Rezitieren des heiligen Namens sollte das Herz reinigen. Und wenn ihr das wirklich glaubt, dann solltet ihr, wenn ihr nach, sagen wir, einem Jahr zu dieser Selbstanalyse zurückkehren, dort einem anderen Menschen begegnen. Shrila Prabhupada sagte, wenn die Menschheit nur einen Monat lang die regulativen Prinzipien befolgen würde, würde sich das gesamte karmische Gleichgewicht dieses Planeten stark verändern und verbessern. Unsere Aktivitäten tragen also wesentlich zum Wohl oder zum Niedergang und Zerfall der ganzen Welt bei.

Aber wie ich euch bereits sagte, ist diese Selbstanalyse für die breite Masse der Menschen bestimmt. Denn was findet man im Lotusherzen eines reinen Anhänger? Schätze, verborgene Schätze. Wenn etwas gereinigt ist, ist es einfach rein. Es gibt nichts mehr schlechtes . Gurudev sagte, wenn wir Hingabe haben, verwandeln sich selbst unsere Schwächen in Edelsteine.

Paramananda: Ich möchte Gurudev bitten, die Symbolik dieser verschiedenen Himmelsrichtungen zu beschreiben und die Repräsentanten der Persönlichkeit Gottes für die verschiedenen Himmelsrichtungen zu nennen.

Swami Tirtha: Das besprechen wir beim nächsten Mal. Denn es ist im Grunde wie ein Lotus-Mandala. Alle Gefährten Krishnas und Gaurangas befinden sich in diesem Mandala. In dieser Verbindung wird dieser Lotus Yoga-Pitha genannt. Yoga-Pitha bedeutet Ort der Verbindung, der Einheit, wo das Wesen liegt. In der Govinda-Lila ist dies das Zentrum des Rasa-Tanzes. Und in der Gauranga-Lila ist es ein ganz besonderer Baum in Mayapur – ein Neembaum. Ihr könnt euch vorstellen, was unter diesem Neembaum geschah – ein wundervoller Junge wurde geboren.

Gita Govinda: Wann werden wir es wieder besprechen?

Swami Tirtha: Wenn wir die Inspiration dazu haben. Das richtet sich nicht nach dem Kalender.