Deutsch issues

(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 06.01.2019, morgens, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

Es heißt, allein zu sitzen und zu meditieren sei gut. Mit einem Partner ist es noch besser. Und wenn wir den heiligen Namen in harmonischer Gemeinschaft preisen können, ist das am besten. Gemeinsam, nicht wahr? Und Bhajan ist nicht nur Singen. Bhajan ist deine Anbetung. Ich spüre, dass euch Bhajan so gut gefällt, dass ihr gemeinsam singt und den heiligen Namen verherrlicht. Aber was ist die Steigerung von Bhajan? Das ist Kirtan.

Wir haben also ein Instrument der inneren Kontrolle. Versucht, es anzuwenden. Zunächst einmal ist dies wie Kontrolle – das Chanten der heiligen Namen – ihr wartet auf euren inneren Frieden, ihr wartet auf eure Befreiung. Aber wenn ihr die heiligen Namen weiterhin chantet, werdet sich auch subtilere Empfindungen zeigen. Die innere Reinigung des Herzens, die Herzensintelligenz wird geschehen. Und was gestern noch ein großes Problem für euch war, werdet ihr heute als unbedeutend erkennen, es schmerzt euch nicht mehr. Manchmal wünschen wir uns einen großen Sprung in unserem spirituellen Fortschritt, obwohl kleine Schritte vielleicht wertvoller sind. Und langsam, ganz langsam verliert das, was euch heute so wichtig ist, sei es Leid oder Hoffnung – weil der Mensch an seinem Leid gern festhält –, seine Bedeutung. Und andere Dinge werden wichtiger für euch. Du bist nicht mehr darauf aus, Amerika zu entdecken. Vielmehr möchtest du den spirituellen Himmel erkunden – eine viel interessantere und einladendere Herausforderung.

Bitte versucht also, eure sehr subtile Methode auf euch selbst anzuwenden. Und wenn ihr durch diese innere Reinigung mitfühlender werdet, werdet ihr einen Weg zum Herzen der Menschen finden. Manchmal helfen uns unser Wissen oder unsere spirituellen Errungenschaften dabei. Manchmal helfen uns unsere Misserfolge, anderen näherzukommen und sie zu verstehen. Denn wer nicht scheitert, glaubt, niemals zu scheitern. Und man versteht nicht, wie Menschen scheitern. Wie kann es sein, dass sie den Wind nicht aufhalten können? Man glaubt, man könne ihn aufhalten, obwohl man es nie versucht hat. Versucht es! Scheitert! Seid bereit, auch die Mühe auf euch zu nehmen. Aber verliert niemals den Mut. Ihr könnt verlieren, aber eure Mission sollte niemals scheitern. Euer Gott wird niemals verlieren. Euer Glaube sollte niemals schwinden. „Verkündet es kühn: ‚Mein Anhänger ist niemals verloren.‘“[1] Ihr könnt eine Schlacht verlieren, aber ihr solltet den Krieg gewinnen.

Und warum wollen wir auf Menschen zugehen? Gurudev fragte uns einmal: „Warum predigen wir?“ Ihr wisst, diese ganz einfachen Fragen sind eine große Herausforderung. „Weil wir es normalerweise so machen, es ist eine Gewohnheit.“ „Nun, weil du predigst, Gurudev, und wir versuchen, es nachzuahmen, und wir versuchen auch zu predigen.“ Nein. Was für eine Antwort kann man auf so eine Frage geben? Ihr wisst solche einfachen Fragen sind sehr schwer zu beantworten. Was ist der Sinn deines Lebens? Wer bist du? Was ist dein Ziel? Einfache Fragen. Fast unmöglich zu beantworten. Also haben wir unser Bestes versucht, die richtige Antwort zu finden, aber dann sagte Gurudev: „Weil Mahaprabhu es uns gesagt hat.“ Deshalb wollen wir einen Weg finden, die Menschen zu erreichen, ihnen zu begegnen, mit ihnen in Kontakt zu treten, ihnen zu helfen, ihrer spirituellen Identität näherzukommen. Man kann nicht so grausam sein, die Menschen um sich herum im körperlichen Bewusstsein sterben zu lassen. Warum sagt ihr ihnen nicht, dass sie spirituelle Seelen sind? Predigen ist nicht so kompliziert. Ihr müsst keine trockene und langweilige philosophische Diskussion führen. Nein! Vermittelt eine Botschaft. Denn je mehr Menschen ihren Anteil am spirituellen Erbe annehmen, desto besser.

1. Bhagavad Gita 9.31

(Fortsetzung folgt)



(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 06.01.2019, morgens, Sofia)

Wir bringen unseren materiell geprägten Geist mit. Wir projizieren möglicherweise unsere materiellen Erfahrungen auf die göttlichen Wahrheiten. Das ist ein Irrtum. Gurudev lehrte uns das oft – nicht durch Worte, sondern durch Taten. Oftmals, wenn wir diskutierten, brachten wir Vorschläge oder Lösungen ein. Und in den meisten Fällen verwarf er sie und präsentierte seine Version, eine völlig verblüffende Lösung, die manchmal unserem höchsten Verständnis zu 108 % widersprach. Sie erschien so unlogisch und nutzlos, dass wir am liebsten protestiert hätten, aber wir wussten, dass es sinnlos war. Und dann stellte sich heraus, dass er Recht hatte. Daraus verstand ich: Unser Verständnisniveau ist etwas unterschiedlich.
Wir brauchen also eine Feinabstimmung, eine Verfeinerung unseres Verständnisses – und das ist nicht nur ein intellektuelles Verständnis. Das hingebungsvolle Leben ist kein intellektuelles Rätsel, sondern vielmehr ein emotionales Geheimnis. Wir brauchen ein tieferes, anderes Verständnis, und das ist die Intelligenz des Herzens. Wenn ihr Krishna liebt, werdet ihr mehr verstehen. Deshalb sagte Shrila Prabhupada: „Versuche einfach, Krishna zu lieben.“ Es ist nicht nötig, die ganze Sache unnötig zu verkomplizieren. Denn wenn du jemanden liebst, ist er natürlich Teil deines Lebens. Oder, wenn wir noch mehr Glück haben, werden wir Teil seines Lebens.
Wie steht es mit dem Zustand unseres Geistes? Ich spreche nicht gern über dieses Thema, weil man damit leicht jemanden provozieren kann. Aber wie ist der Zustand unseres Geistes normalerweise? Er ist voller Unsinn. Wir haben so viel angesammelt, der größte Teil davon ist nutzlos. Und es sind nicht nur die gesammelten Informationen, sondern auch die emotionalen Überreste, die wir behalten. Wenn man Kaffee kocht und dieser Rückstand übrig bleibt, schüttet man ihn weg, richtig? Man trinkt ihn ja nicht. Unser Geist ist voll von solchen Überresten. Frühere Eindrücke, unser Leid, unsere schlechten Prägungen; du hast versagt, du hast gewonnen, du bist voller Angst, deine Hoffnungen und Träume sind meist unerfüllt… Das nenne ich einen völlig verdorbenen Zustand unseres Geistes, voll von diesen emotionalen Überresten. Dazu kommen noch die Probleme, die du hast. „Was ist mit morgen? Wird mein Traum wahr? Geld kommt und geht, aber in meinem Fall geht es eher.“ Unser Geist ist voller Sorgen, richtig? Wo ist dein innerer Frieden? Nur in diesen Überresten. Und wenn du ein bisschen rührst – der ganze Dreck kommt an die Oberfläche, mein Lieber! Kampfgeist und so viel Müll. Was tun?
Ich lebte in Nandafalva. Eines Tages war es ein wunderschöner, heißer Sommertag. Und wisst ihr, manchmal ziehen an heißen Sommertagen Gewitter auf. So geschah es auch. Ich war im Garten und arbeitete ein wenig. Plötzlich schaute ich auf und sah eine unglaublich große Wolke aufziehen – riesig wie ein Ozeandampfer. Wirklich, so fühlte es sich an. Ich konnte die Spitze nicht sehen, und sie kam direkt auf mich zu. Ich dachte: „Ah, sehr schön. Versuchen wir es. Eine schöne Erfahrung, wisst ihr – dem Sturm ins Gesicht zu schauen. Denn wir sind bhakti, nicht wahr? Mit der spirituellen Kraft werden wir die Naturgewalten überwinden.“ Sie kam immer näher… meine Kräfte waren aufgewühlt und gleichzeitig etwas zweifelnd. Da es ein heißer Tag war, trug ich kein Hemd und wartete gespannt auf das Gewitter. Dann kam zuerst der Wind. Er war so stark, dass er mich fast umgeweht hätte. Zum Glück hatte ich den Zaun hinter mir, also stand ich noch. Aber dann kam der Regen. Und er peitschte wie ein Gewitter. Er war so stark und so heftig, dass ich mich tatsächlich hinter dem Zaun verstecken musste. Anders konnte ich mich nicht schützen. Nun, da musste ich meine Ausdauer überdenken. Und obwohl ich immer noch an die Kraft des Geistes glaube, versuche ich, die Naturgewalten mehr zu schätzen. Denn bevor der Wind kam, kam mir ein Vers aus der Bhagavad Gita in den Sinn, in dem Arjuna sagte: „Oh, es ist leichter, den Wind zu bändigen, als den Geist zu beruhigen.“[1] Gut, Seelenfrieden ist erreicht; jetzt lasst uns den Wind bändigen. Nun, ich bin gescheitert. Habt ihr diese Kontrolle über den Geist erlangt?
Aber es muss einen Weg geben, unseren Geist zu beherrschen, den Müll abzuwerfen. Die Überreste loszuwerden. Zu reinigen. Ich glaube, wir machen eine sehr überzeugende Erfahrung, wenn wir die heiligen Namen singen. Wenn ihr euch dieser Praxis widmet, spürt ihr, wie der Ballast abfällt. Dann erfüllt etwas Neues euren Geist bis zum Rand. Alle Sorgen, alle vergangenen Leiden, alle Zukunftsängste verschwinden einfach, schmelzen in den Wellen dieser göttlichen Schwingung. Es wird empfohlen, dass wir dieses Gefühl auch beim individuellen Chanten unseres Japa haben sollten. Manchmal spürt man es, oft nicht. Aber wenn wir zusammenkommen, dann kann man es sehr tief empfinden.

(Fortsetzung folgt)

1.”Bhagavad Gita” 6.34



(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 05.01.2019 abends, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

Radhe Radhe Govinda! Wer ist Govinda? Wir begannen mit einigen Theorien, Mantras, um das Bewusstsein zu befreien… und sind schließlich bei Govinda angekommen. Und Radha, ihr kennt sie sehr gut. Gut, ihr fragt euch vielleicht, Radha kennen wir, aber wer ist dieser Govinda? Radha ist das schönste Mädchen im Dorf, nicht wahr? Aber wer ist dieser Govinda? Wisst ihr, in unserer Tradition ist Radharani die bezauberndste Person in der ganzen Schöpfung. So sehr, dass es nur einen gibt, der Sie wirklich zu schätzen weiß, und das ist Gott. Nur Gott kann Ihre Schönheit, Ihren Charme, Ihre Liebe usw. verstehen  und wertschätzen.

Von Gott erwarten wir Allwissenheit, nicht wahr? Und wir alle bewundern den Höchsten. Aber stellt euch vor, da ist jemand, den Er bewundert. Es ist einfach unfassbar! Wir begannen mit der Befreiung des Bewusstseins und jetzt enden wir damit, uns den Kopf zu zerbrechen. Gott rennt jemandem hinterher?! Das ist unglaublich. Aber das ist Radha; und wer rennt Ihr hinterher? Govinda. Denn Krishna-Govinda ist so schön, dass seine Schönheit selbst für ihn erstaunlich ist. Ja, als Er einst auf diesem Planeten Erde war, betrat Er einen Palast. Und eine Säule war aus poliertem Edelstein gefertigt. Sie reflektierte wie ein Spiegel. Krishna kam hinzu, und als Er sein Spiegelbild in dieser Säule erblickte, war Er verblüfft. Er sagte: „Was ist das für eine Schönheit? Wer ist dieser unglaublich gutaussehende Mensch? Wer ist das? Ich kann es mir nicht vorstellen.“ Die Schönheit Gottes ist also so groß, dass sie selbst für ihn bezaubernd ist. Er kann sich selbst nicht verstehen. 

Ich denke, manchmal teilen wir diese Eigenschaft. Manchmal verstehen wir uns selbst nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob das bedeutet, dass wir auch Götter sind. Aber seht ihr, wir Menschen sind Ihm sehr ähnlich. Oder wir können sagen Er begegnet uns auf sehr ähnliche Weise.

Stellt euch nur vor, die Schönheit des Höchsten Gottes ist so überaus erhaben, dass sie für Ihn selbst unbegreiflich ist.

Aber es gibt eine Person, Radha, die die Schönheit Govindas vollkommen erfassen kann. Um die Größe und Schönheit Gottes zu erfassen, ist ein wahrer Partner notwendig. So können wir sagen, dass die höchste Schönheit und die höchste Liebe, Govinda und Radha, ihre Vereinigung die Essenz der gesamten Schöpfung ist. Und wir können sagen, dass dies die Befreiung des Bewusstseins ist. Wenn wir über die Begegnung und die göttliche Vereinigung von Schönheit und Liebe nachdenken und meditieren können, dann werden wir von allen möglichen Verunreinigungen des Geistes befreit. Dies ist eine wunderschöne Einladung an euch alle, an dieser ästhetischen Ekstase teilzuhaben.

Radha und Govinda verkörpern diese wunderschöne höchste Vereinigung, diese göttliche Begegnung. Radha und Govinda. Der Name des Höchsten ist von großer Bedeutung. Jemanden mit seinem Namen anzusprechen, ist wichtig. Wie lautet Ihr Name?

Antwort: Martin.

Swami Tirtha: Wenn ich diesen Saal betrete und sage: „Hey du!“, werden Sie mir höchstwahrscheinlich keine Beachtung schenken. Aber wenn ich sage: „Hey, Martin!“, werden Sie sofort aufmerksam, nicht wahr? „Jemand ruft mich.“ Hey Govinda! Er wird aufmerksam: „Jemand ruft mich.“ Hey Govinda! Die höchste Befreiung unseres Bewusstseins besteht also darin, ein ergebener Diener, ein hingegebener Praktizierender in dieser göttlichen Vereinigung zu werden. Ein allmächtiger Gott und ein ergebener Diener – sie bilden ein unbesiegbares Team.
Um uns dafür zu qualifizieren, müssen wir beten – damit uns die Segnungen zuteilwerden, damit uns die Gnade umfängt. Denn der beste Weg ist, sich diesem barmherzigen Aspekt Gottes zuzuwenden.



(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 05.01.2019 abends, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

In der Nähe eines heiligen Menschen verändern sich die Dimensionen. Als wir mit Gurudev im selben Ashram lebten, konnte ich schon von der Bushaltestelle aus spüren, ob er zu Hause war oder nicht. Und wenn man voller Zweifel und Fragen dort ankommt und sein Zimmer betritt, sind alle Fragen, alle Zweifel verschwunden. Man genießt einfach seine Nähe. Man spürt diesen ultimativen Zufluchtsort, nach dem wir uns alle sehnen. Keine Worte, keine Erklärungen nötig. Es ist keine Frage der Philosophie. Es geht um ein tieferes Verständnis, von Herz zu Herz.

Dann kam der Moment der Trennung. Es ist ein bitterer Moment. Aber eigentlich ist dies ein Eintritt in die Ewigkeit. Stellt euch vor: Es gibt keine Chance mehr in diesem Leben, dass ihr dem wichtigsten Menschen in eurem Leben begegnet. Das ist kein leichter Moment. Aber es gibt einen Ausweg. Wenn wir uns nicht mit der körperlichen Anwesenheit unseres Meisters verbinden können, können wir uns immer noch mit seiner spirituellen Gegenwart verbinden. Als ich die Nachricht von seinem Verschwinden hörte, musste ich zwei Tage später einen Vortrag halten – über die Ewigkeit der Seele, über die Anwendung spiritueller Praktiken. Ich glaube, das war einer der schwierigsten Vorträge meines Lebens. Auf dem Weg dorthin weinte ich auf der Straße. Aber als ich ankam, musste ich mich zusammenreißen und einen ordentlichen Vortrag halten. Denn ich bin sicher, dass er sich nicht mit ein paar oberflächlichen Tränen zufriedengegeben hätte. Er sagte: „Selbst wenn du dich im tiefsten Zustand deines Bewusstseins befindest, musst du einen ordentlichen Vortrag halten.“

Darf ich dir noch eine Geschichte erzählen? Ihr wisst ja, ein Schüler soll bescheiden sein, nicht wahr? Als Gurudev mich einmal mitnahm, fuhren wir in seinem Auto, und er sagte zu mir: „Fahr in diese Stadt und halte dort einen Vortrag.“ Ich versuchte, bescheiden zu sein, und sagte: „Ach, Gurudev, ich gehe nicht gern auf die Bühne.“ Er schwieg einen Moment, und da spürte ich: Vielleicht stimmt etwas nicht. Er fuhr weiter und starrte mich dabei an, also verstand ich: oh, ein großer Fehler. Er war ein bemerkenswerter Mensch, und als er schwieg, war das der schwierigste Moment. Dann sagte er: „Ich habe dir nicht gesagt, dass du auf die Bühne gehen sollst, sondern dass du einen Vortrag halten sollst.“ Er ließ nie einen Moment aus und die Möglichkeit, dir einen Ratschlag zu geben…Um die falsche Bescheidenheit zu durchbrechen und dir zu zeigen, was wahre Hingabe bedeutet – sich selbst zu vergessen. Nicht du bist wichtig, sondern der Dienst – der ist wichtig.

Ich werde keine weiteren Geschichten erzählen. Aber seitdem ist er der wichtigste Mensch in meinem Leben. Seine Ideale sind mir ebenfalls wichtig geworden. Und ich hoffe, dass seine Ideale auch für euch wichtig werden.

(Fortsetzung folgt)



(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 05.01.2019 abends, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

 Wir Menschen bestehen aus Beziehungen. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir sind sehr abhängig von unseren Verbindungen, von unseren Beziehungen. Man sagt, es kommt nicht darauf an was man weiß, sondern wen man kennt. Und all diejenigen, die im kommunistischen System gelebt haben, verstehen das sehr gut. Es spielte keine Rolle, was man wusste und was man nicht wusste, sondern wen man kannte, welche Verbindungen man hatte. Und das gilt tatsächlich auch im spirituellen Sinne. Ich sage nicht, dass dies spiritueller Kommunismus ist, aber unser Bewusstsein und unser Wissen sind begrenzt, nicht wahr? Wir können nicht alles wissen. Es ist unmöglich! Du bist nicht der hellste Kopf im Universum. Aber wenn ihr die richtige Person kennt, seid ihr nicht von der Erlösung ausgeschlossen. Wenn ihr mit Shri Guru verbunden seid, seid ihr erlöst. Nicht einfach nur mit einem Guru, sondern mit Shri Guru. Shri Guru ist der göttliche Aspekt.
Tatsächlich ist der spirituelle Meister ein direkter Bote des Höchsten. Und wie nennt man einen Boten im Christentum? Engel, richtig? Engel. Unser Meister ist also wie ein Engel für uns. Ich erinnere mich noch gut an den ersten Besuch meines spirituellen Meisters bei mir zu Hause. Damals wohnte ich bei meinen Eltern. Es war eine heikle Zeit, deshalb mussten wir gewisse Sicherheitsvorkehrungen treffen. Er war eine sehr wichtige Person für uns, und deshalb mussten wir alle möglichen Sicherheitsregeln und -vorkehrungen für ihn treffen. Zwei Wochen lang wurden die Vorbereitungen getroffen: wann, wie und unter welchen Bedingungen er zu mir kommen sollte. Meine Eltern wurden angewiesen in ihrem Zimmer zu bleiben. Und dann war es soweit, die Glocke klingelte… Und er trat ein. Ganz in Weiß. Ganz in Weiß! Und ich hatte den Eindruck: Ein Engel kommt zu mir. Dieses Bild begleitet mich noch immer nach all den Jahren.
Was erwartet man von einem Engel? Ein paar Segnungen, nicht wahr? Aber dieser Engel kam mit einigen Fragen. Damals bestand meine Aufgabe darin, einige heilige Schriften aus dem Englischen ins Ungarische zu übersetzen. Und dann fragte mein Engel: „Wie läuft die Übersetzung?“ Ich sagte: „Nun, das ist das Maximum, was ich bis jetzt übersetzt habe.“ Und er sagte: „Nein, das ist nicht genug.“ Da verstand ich, dass dies ein anspruchsvoller Engel ist.
Die Begegnung mit einem außergewöhnlichen Menschen hat also einen großen Einfluss auf das eigene Leben. Wie ich euch schon sagte, sind wir Menschen aus Beziehungen zusammengesetzt. Wir alle sind zum Beispiel Söhne oder Töchter unserer Väter. Diese Beziehung wird sich nie ändern. Selbst Asketen werden von einer Mutter geboren. Auch das wird sich nie ändern. Freundschaften hingegen verändern sich. Liebende verändern sich. Man sagt, Männer vergessen ihre Geliebten leicht, aber ihre Freunde vergessen sie nie. Und Frauen vergessen ihre Freunde leicht, aber ihre Geliebten nie. Seht ihr, wir bestehen aus Beziehungen. Manche halten ein Leben lang. Manche nur wenige Augenblicke. Aber die spirituelle Beziehung zu unserem göttlichen Boten, zu unserem göttlichen Meister, hält ewig.
Und wer hat den wichtigsten und bedeutendsten Einfluss in unserem Leben? Das ist unser göttlicher Meister. Denn diese Verbindung betrifft nicht nur den Körper oder die körperliche Genetik. Sie ist nicht nur eine emotionale Beziehung wie eine Freundschaft oder eine Liebesbeziehung. Es ist keine theoretische  Übereinstimmung in bestimmten Punkten. Nein, es ist eine Verbindung von Seele zu Seele, von Herz zu Herz, von Geist zu Geist. Etwas, das sich niemals ändern wird. Alles um uns herum verändert sich, nicht wahr? Manchmal sagen wir „leider“, manchmal „zum Glück“. Dennoch brauchen wir feste Punkte in unserem Leben. Und wenn unsere Hingabe an unsere spirituellen Führer, Lehrer und Meister der feste Ankerpunkt in unserem Leben ist, dann können wir uns glücklich schätzen.

(Fortsetzung folgt)



(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 05.01.2019 abends, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

Shiva – dieser Name bedeutet „Segen“. Shiva ist für vieles bekannt. Er ist eine sehr heldenhafte Gestalt. Er ist ein schöner Mann. Und er ist die Inspiration für die Künste. Er ist der Halbgott des Yoga. Auch ist er ein Asket. Und gleichzeitig ein großer Liebhabe. Eine sehr seltsame Persönlichkeit! Wie können wir diesen Segen und diesen glückseligen Charakter Shivas verstehen?
Der heilige Ganges berührt die Erde durch Shivas Kopf. Er entspringt den Himmelsrichtungen, fließt dann auf sein Haupt, kommt herab und erreicht uns. Warum? Was ist die Bedeutung dahinter? Weil dieser heilige Fluss, dieses heilige Wasser so kraftvoll ist, dass es, wenn es die Erde direkt berühren würde, diese zerstören würde. Es bestand die Notwendigkeit, die Erde vor der gewaltigen Kraft des himmlischen Ganges zu schützen. Deshalb war Shiva, der sehr mächtig ist, bereit, dieses heilige Wasser auf seinem Haupt zu empfangen, um die Erde zu beschützen. Und dann kommt es von seinem Kopf zu uns herab.
Natürlich hat Shiva viele, viele sehr nützliche Beschäftigungen. Zum Beispiel ist er für die Zerstörung des Universums verantwortlich. Interessant, nicht wahr? Ein großer Yogi und gleichzeitig für die Zerstörung des Universums verantwortlich – wie kann das sein? Yoga dient doch dazu, etwas Schönes zu erschaffen, oder? Und dann zerstört er etwas? Aber wir müssen es richtig verstehen: Shiva ist destruktiv auf eine konstruktive Weise. Er zerstört eine Phase des Universums, damit es in einer brandneuen Phase neu erschaffen werden kann. Zerstörung also – um konstruktiv zu sein. Normalerweise sind wir auf diesem Planeten Erde im Alltag an konstruktive Theorien gewöhnt. Wir sind darauf trainiert, konstruktiv zu sein. Evolution zum Beispiel. Oder wirtschaftlicher Fortschritt, nicht wahr? Aber diese Welt ist konstruktiv auf destruktive Weise. Unser Fortschritt bedeutet einen Schritt näher zum Tod. Unser Leben, die materielle Erfahrung, ist also konstruktiv auf destruktive Weise. Shiva hingegen ist das Gegenteil – er ist destruktiv auf konstruktive Weise. Versteht ihr den Unterschied? Um ein neues Kapitel zu beginnen, muss man das vorherige Kapitel abschließen. Du musst es beenden.
Und wie wird Shiva die Welt beenden? Mit einem Tanz! Welch poetische Art, diese Welt zu beenden! In Indien tanzen die Verehrer gern. Man könnte sagen, dass auch die Vaishnavas tanzen. Wir tanzen glücklich auf dem sinkenden Schiff der materiellen Existenz. Aber wenigstens tanzen wir. Also eine poetische Art, die Welt zu beenden.
Shiva ist auch ein Beschützer des Yoga. Und im Yoga gilt Shiva als die höchste Bewusstseinsebene, der befreite Geisteszustand. So sind wir wieder beim Bewusstsein angelangt. Wenn wir diesen befreiten Geisteszustand erreichen wollen, müssen wir etwas tun. Und jemand muss uns beibringen, wie. Daher ist eine weitere symbolische Bedeutung Shivas die eines universellen spirituellen Meisters – jemand, der bereits die Erleuchtung erlangt hat und daher auch anderen zur Erleuchtung verhelfen kann. „Guru“ bedeutet „derjenige, der die Dunkelheit vertreibt“ – ein solches Licht in unserem Leben, das die Dunkelheit der Unwissenheit vertreibt.

Und dieses destruktive Merkmal – ein Kapitel zu vollenden, die geschaffene Welt zu beenden, mit der Schöpfung abzuschließen – ist ebenfalls mit diesem befreiten Bewusstseinszustand verbunden. Denn wenn wir die vollständige Befreiung erlangen, endet diese Welt für uns – mit all den Schwierigkeiten, die wir wahrgenommen haben, mit all den Einschränkungen, die wir durchlebt haben, mit all den Hoffnungen und allen Enttäuschungen. Dann ist unser Bewusstsein befreit, frei von Verstrickungen. Das ist es, was wir brauchen, das ist es, wonach wir suchen. Deshalb sollten wir uns unter den Schutz des göttlichen Lichts begeben. Und seid klug; kommt nicht nur ab und zu und geht dann wieder in die Dunkelheit zurück. Kommt und bleibt – das ist die kluge Variante.

(Fortsetzung folgt)



(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 05.01.2019 abends, Sofia)

Om namo bhagavate vasudevaya – dieses Mantra ist eines der wichtigsten Gebete unserer Zeit. Mantra bedeutet zunächst einmal „Gesang“ – etwas, das gesungen, geübt und wiederholt werden soll. Es setzt sich aus zwei Wörtern zusammen: Manas und Trayate. Manas ist die mentale Kapazität des Menschen. Oder anders gesagt: Es ist das Bewusstsein, das wir alle besitzen. Es ist ein sehr wichtiger Bestandteil des Menschseins. Können Sie ohne ein Bein leben? Es ist schwierig, aber möglich. Können Sie ohne eine Hand leben? Es ist schwierig, aber möglich. Können Sie ohne Ihren Kopf leben? Schwierig und unmöglich. Das Bewusstsein, das in den höheren Chakren verankert ist, ist also wichtig. Es ist das, was uns zu Menschen macht, nicht wahr? Wir alle besitzen ein gewisses Maß an Bewusstsein. Doch in den meisten Fällen ist unser Bewusstsein bedingt, kontrolliert, steht unter Druck. Im Allgemeinen können wir sagen, dass unser Bewusstsein nicht frei ist, nicht befreit. Aber das Mantra hilft, unser Bewusstsein zu befreien.

Der zweite Teil dieses Wortes, „tra“, bedeutet „befreien“. Manas trayate – den Geist befreien, das Bewusstsein befreien. Also, probieren Sie es aus! Versuchen Sie, diese spirituelle Praxis kennenzulernen. Und dieses besondere Mantra wirkt nach ganz bestimmten Prinzipien, denn es ist ein Schutzmantra. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich denke, wir alle brauchen Schutz. Es ist wichtig, sich beschützt zu fühlen. Erinnern Sie sich an Momente aus Ihrer Kindheit, in denen Ihnen der Schutz Ihrer Eltern gefehlt hat? Als Sie sich allein gelassen, ohne Geborgenheit, entfremdet fühlten? Das ist ein sehr verzweifeltes Gefühl. Aber im Grunde ist dies nicht nur ein verzweifeltes Gefühl eines Kindes, sondern ein verzweifeltes Gefühl der Seele. Denn leider sind wir irgendwie aus dem Himmel verbannt. Wir haben diesen Schutz verloren, dieses Gefühl der Geborgenheit. Deshalb ist das ganze menschliche Leben eine Suche. Stimmen Sie dem zu? Ständig suchen wir nach etwas. Oft sagen die Leute: „Ich bin offen und suche“, richtig? Aber was bedeutet das? Es bedeutet, dass man es noch nicht gefunden hat. Geben Sie sich also nicht damit zufrieden, nur ein offenherziger suchender zu sein. Werden Sie zum Praktizierenden – das ist eine höhere Stufe.

Mantras helfen uns, unter diesen göttlichen Schutz zu gelangen – wenn wir unseren Weg zurück nach Hause finden können, zurück zu Gott, um dieses ewige Heimatgefühl, diese Geborgenheit zu genießen. Das ist es, nach dem wir suchen.

Dieses Mantra beginnt mit Om – der universellen kosmischen Schwingung. Dieser Klang hat die Kraft, aus Chaos den Kosmos zu erschaffen. Und manchmal spüren wir, dass in unserem Bewusstsein auch Chaos herrscht. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir geht es oft so. Etwas ist nicht in Ordnung. Wenn Sie Ordnung in ihr Bewusstsein bringen möchten, chanten Sie das Om. Denken Sie daran, es kann Chaos in Kosmos verwandeln.

Klänge haben eine sehr starke Wirkung. Wenn Sie jemand mit beleidigenden Worten anspricht, ist die Wirkung offensichtlich, nicht wahr? Wenn wir also den spirituellen Klang in Resonanz bringen, wirkt er sich ebenfalls auf unser Bewusstsein aus. Om wird Ordnung in ihrem Bewusstsein schaffen. 

Namaha ist das zweite Wort. Es bedeutet „nicht für mich“. Es ist ganz einfach. Oft tun wir Dinge, um uns zu vergnügen. Wir bringen Opfer, wir leisten Dienste – um glücklicher und zufriedener zu sein. Doch die Kunst der spirituellen Wissenschaft besteht darin, dass wenn man gibt, man auch empfängt. Wenn Sie also empfangen möchten, geben Sie zuerst. Dann werden Sie den Wunsch nach mehr vergessen. Ihre Motivation wird gestärkt. Namaha – es ist „nicht für mich“, es ist für dich, mein Herr. 

Bhagavate – Bhagavat bedeutet der Höchste Herr, Gott, das Höchste Wesen, das voller göttlicher Eigenschaften ist. Und Vasudev, das letzte Wort dieses Mantras, ist das besondere Merkmal des Höchsten, das diesen absolut überlegenen Bewusstseinszustand bezeichnet. 

Wir begannen damit, unser Bewusstsein zu befreien. Und wie können wir das am besten und direktesten erreichen? Indem wir unser Bewusstsein mit dem höchsten Bewusstsein verbinden. Wenn ihr allein seid, ist euer Wissen begrenzt. Aber wenn ihr mit dem höchsten Bewusstsein verbunden seid, ist euer Wissen unbegrenzt. Wenn Sie also alles wissen wollen, dann verbinden Sie sich mit dem einen Wesen, das alles weiß. Wir mögen gut informierte Menschen, nicht wahr? Aber selbst das Wissen des bestinformierten Menschen ist begrenzt. Lasst uns nach jemandem suchen, dessen Wissen, dessen Bewusstsein nicht begrenzt ist. Verbinden Sie sich mit Ihm, und dann werden Sie alles richtig verstehen. Ziel ist es, unser Bewusstsein zu befreien – ein vollständiges und perfektes Verständnis von uns selbst, der Welt und dem Sinn des Lebens zu erlangen.

(Fortsetzung folgt)



(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 05.01.2019, morgens, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

Manchmal scheitern wir. Wir kommen voller Begeisterung, versuchen unser Bestes zu geben – und scheitern. Wir gehen nach Hause. Wir sagen: „Ach, das spirituelle Leben ist nichts für mich. Es hat nicht funktioniert.“ Und vielleicht kehrt ihr in diesem Leben nicht mehr zurück, das ist möglich. Aber ihr werdet es nie vergessen. Deine Seele wird es nie vergessen. Und selbst wenn ihr nur einen kleinen Schritt getan habt, ist er nie verloren. Selbst wenn ihr euren nächsten Schritte nicht macht, ist dieser erste Schritt nie verloren. Es ist schmerzhaft! Zu sehen, dass jemand im spirituellen Leben nicht glücklich ist – das ist sehr schmerzhaft. Aber zu sehen, dass andere in ihrem spirituellen Leben glücklicher sind – das ist belebend.
Wisst ihr, ich habe einen spirituellen Bruder. Immer wenn ich sein Beispiel beobachte, kommen sehr ambivalente Gefühle in mir hoch. Ich war immer sehr neidisch auf ihn und wütend. Und gleichzeitig freute ich mich über seine Gesellschaft. Darf ich euch sagen, warum? Weil er in der Hingabe verschmolz. Er genoss seinen Glauben. Er benahm sich wie ein Junge – fröhlich und glücklich, rannte herum und sang unter der Dusche usw. Diese natürliche Lebensfreude spiegelte sich immer in seinen Augen wider. Und ich hatte das nicht, deshalb war ich sehr neidisch. Wie kann es sein, dass er immer so fröhlich ist und ich hart arbeite und nicht so fröhlich bin? Aber gleichzeitig war es so inspirierend, mit ihm zusammen zu sein. Er ist für mich ein Vorbild an Glauben, an reinem Glauben. Ich möchte seinem Beispiel folgen. Ich betrachte ihn als meinen spirituellen Mentor. Nehmen wir also die guten Beispiele – jene, die in den Wellen hingebungsvoller Freude schwimmen.
Was immer wir verlieren, ist nicht das Wahre. Mit Gewalt können wir die höheren Sphären der Wirklichkeit nicht erreichen. Es gibt im Grunde drei Hauptpraktiken der spirituellen Reinigung. Die eine ist Tapas, die andere Jnana und die dritte Bhakti. Entsagung macht einen in den meisten Fällen verbittert. Denn man will, aber man kann nicht, man will, aber es ist einem verboten – dieser Kampf macht einen verbittert. Wissen? Wissen ist etwas, das man verliert. Ein wenig Zeit, und dann ist alles Wissen verschwunden. Und im Allgemeinen macht uns Wissen stumpf. Man sagt auch: „Wer viel weiß, hasst viel.“ Es ist also etwas gefährlich – zu viel Wissen.
Wenn also Entsagung einen verbittert, wenn Wissen einen dumm macht, was bleibt dann übrig? Die Praktiken der Zuneigung bleiben. Aber das ist eine sehr geheime Kunst. Die Kunst der Liebe, die Schule der Liebe ist eine sehr sensible, sehr feine Schule. Ein wenig Input und eine sehr große Wirkung. Ein kleiner Fehler – großes Problem. Aber auch ein kleiner Beitrag – großes Ergebnis.
Natürlich war ich sehr schockiert, als ich hörte, dass ein Anhänger gegangen war. Wie konnte das sein? Wir hatten den Weg zum ewigen Glück gefunden, den vollkommenen spirituellen Pfad usw. – wie kann es sein, dass du gehst?! Es ist ein plötzlicher Abschied. Ich verstand es nicht. Es machte mir Angst. Aber dann musste ich die ganze Situation überdenken. Und ich möchte nicht trauern, weil jemand gegangen ist, sondern ich möchte glücklich sein, weil jemand Zeit mit uns, Zeit mit Krishna verbracht hat. Es ist nur eine Frage der Verhältnisse. Und es heißt: „lava matra sadhu-sange sarva-siddhi hoy [1]“ – schon für einen kurzen Augenblick in der Gemeinschaft reiner Gottgeweihter kann man alle Vollkommenheit erlangen. Daher ist der Wert einer kurzen Zeit spiritueller Verbundenheit viel höher als der von vergeudeten Leben. Doch dafür müssen wir die Situation von der anderen Seite betrachten, nicht von dieser.
Und noch etwas: Wenn wir wirklich glauben, dass Krishna der Beschützer seiner Gottgeweihten ist, wird er Sie nicht im Stich lassen. Selbst wenn sie Ihn aufgeben wollen. Manchmal glaube ich fest daran, dass Krishna bestimmte Gottgeweihte auf besondere Weise führt und für sie sorgt. Vielleicht prüft Er uns, indem er sich uns nicht zeigt. Andere Gottgeweihte mag er auf noch schwierigere Weise prüfen – indem er ihnen sehr hohe und angesehene Positionen verleiht. Wenn man ein weltberühmter Prediger wird, ist das eine große Herausforderung. Aber Krishna wird sich um seine Gottgeweihten kümmern. Und vielleicht wird Er uns alle durch die Höhen und Tiefen des Lebens führen. Aber ich glaube fest daran, dass Er ein gütiger Herr ist, der einen treuen Diener niemals aufgibt. „Gepriesen sei der Herr, der seinen Diener niemals aufgibt, und gepriesen sei der Diener, der seinen Herrn niemals aufgibt.“[2]
Frage: Und was ist mit den schlechten Dienern? Kümmert sich der gute Herr auch um sie?
Swami Tirtha: Nun, es gibt nur zwei Arten von Menschen – bhakta und zukünftige bhakta. Und es gibt nur drei Arten von Anhängern – gute, bessere und die besten. Daher gibt es keine schlechten Diener, um die man sich kümmern müsste.

1. Chaitanya Charitamrita, Madhya 22.54
2. Chaitanya Charitamrita, Antya 4.46



(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 05.01.2019, morgens, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

Frage: Ich möchte Sie etwas fragen, worüber Sie gestern gesprochen haben. Es ging um die Liebe – dass sie kommt und geht. Die meisten von uns haben das selbst erlebt. Göttliche Liebe hingegen, so sagten Sie, vergeht nie, wenn sie kommt. Aber ich habe einige Geschichten gehört und einige Bhaktas gesehen, die sich abgewandt haben, sie sind einfach verschwunden. Meine zweite Frage betrifft die Vollkommenheit: Sie sprachen von drei Wegen zur Vollkommenheit und dass unser Weg hauptsächlich durch Kripa, Gnade, führt. Und ich möchte Sie fragen, was Sadhana betrifft. Kann es zu viel Sadhana geben, sodass wir uns abwenden? Denn ich habe mit einigen Bhaktas gesprochen, und einige von ihnen haben mir Beispiele genannt – jemand ist so hingebungsvoll und wird immer müder und verschwindet dann einfach. Denn verschiedene Bhaktas teilen manchmal ihre Erfahrungen. Prabhupad sagte beispielsweise zu einem Anhänger: „Wenn du es tust, entwickelst du Liebe.“ Aber können wir es auch übertreiben, ohne vorbereitet zu sein, Sadhana ohne Liebe praktizieren und dadurch das Gegenteil erreichen? Zum Beispiel, dass wir müde werden und uns zurückziehen?
Swami Tirtha: Oh, so viele Fragen. Fangen wir von vorne an. Ich denke, im Grunde kreisen deine beiden Fragen um dasselbe Problem: ob wir etwas haben oder nicht. Spirituelle Errungenschaften sind so fein, so verborgen, dass es sehr, sehr schwierig ist, sie mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu messen. Aufgrund unseres materiellen Lebens und unserer Prägung – im Studium, in diesem Wettbewerbsgeist – wollen wir Dinge und Errungenschaften immer messen. Die Menschen veranstalten Olympische Spiele, um die Leistungen zu messen. Das ist übrigens ein völliger Fehlschlag, es ist ein Geschäft, kein Sport mehr. Es ist Chemie und Wirtschaft – wie man mehr Geld verdient. Wenn eure nationale Chemie der Aufsicht voraus ist, dann können sie jene Chemikalien erfinden, die euch unbemerkt schneller laufen lassen. Das hat also nichts mit echtem Sport zu tun. Und deshalb mein bescheidener Vorschlag: Wenn wir uns verbessern wollen, lasst uns rausgehen und spazieren, laufen oder ringen, ohne diesen ganzen Kommerz, und dann den Fernseher abschalten, sobald er anfängt, das als Sportveranstaltung zu vermarkten. Komm schon, das ist doch alles nur Show!
Entschuldigung, ich bin etwas emotional, denn Illusionen rauben uns alle unsere besten Ideale, sie verfälschen sie. Aber wir sind trainiert, Dinge zu messen. Und was bedeutet Maya? Wenn man versucht, Gott zu messen – das ist Illusion. Wenn wir also versuchen, unsere spirituellen Errungenschaften zu messen – wie viele Runden ich gechantet habe, wie viele Bücher ich verkauft habe, wie viel ich nicht weiß was – das ist dieser olympische Geist. Er reicht nicht aus. Damit können wir Krishna nicht kaufen, wir können die göttliche Liebe nicht kaufen. Es genügt nicht. Wir müssen diese Leistungs- und Messmentalität ablegen. Denn Radhika ist sehr zart. Je mehr man sie mit Gewalt ergreifen will, desto mehr entzieht sie sich einem.

Wenn diese innere Wandlung nicht stattfindet, man aber versucht, alle äußeren Anzeichen eines Anhängers zu zeigen, kann früher oder später  passieren etwas. Es genügt nicht, die äußeren Bedingungen oder Anforderungen zu erfüllen, wir brauchen diese innere Wandlung. Bhaktivinoda Thakur sagte, das Problem dieses Zeitalters sei der Mangel an selbstlosen Predigern. Daraus können wir schließen, dass selbst die Prediger manchmal diese Mentalität, diesen Wettbewerbsgeist haben – wie man Hingabe misst. Wir müssen diesbezüglich sehr vorsichtig sein. Denn die wahre Wandlung findet im Herzen statt. Und warum ist das Herz verborgen – und ich spreche hier vom spirituellen Herzen – warum ist es so tief im Wesen des Menschen verborgen? Damit nur die Auserwählten und Krishna das Herz lesen können. Aber er kann es lesen, sie können es lesen. Wenn wir nicht ehrlich sind, können sie das lesen. Selbst wenn man alle Rituale vollzieht. Wenn man äußerlich zeigt, dass man zu 108 % ein Anhänger ist, innerlich aber nichts geschieht – sie können es lesen. Aber sie können auch das Gegenteil lesen: Man wirkt wie ein sehr schwacher Mensch, gefallen, voller Fehler und Mängel und unwissend, aber wenn auch nur ein Tropfen Aufrichtigkeit im Herzen ist, wird man erlöst. Wir können Krishna nicht mit irgendwelchen Eigenschaften und Leistungen, die wir vollbringen, kaufen. Das können wir nicht.

Einmal sagte mir jemand: „Der heilige Name ist bitter auf meinen Lippen geworden.“ Und das war sehr schockierend für mich, denn wir haben verstanden, dass der heilige Name sehr süß ist. Wie kann er bitter sein? Als ich also das nächste Mal einen Gottbruder meines Gurudev traf, einen sehr erhabenen und vortgeschrittenen Bhakta, stellte ich ihm diese Frage. Dann starrte er mich an und sagte schließlich: „Wenn er bitter geworden ist, war es nicht der heilige Name.“

(Fortsetzung folgt)



(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 05.01.2019, morgens, Sofia)

(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)

Ich denke, wir haben bisher sehr inspirierende spirituelle Ratschläge erhalten. Doch nun, da wir unsere Diskussion über die Lebensziele begonnen haben, betrifft die letzte Frage Mahaprabhus an Ramananda Raya Folgendes: „Was ist das Schicksal derer, die nach Befreiung streben, und derer, die das Leben genießen wollen?“
Harilila: Jeder erhält, wonach er sucht.
Swami Tirtha: Ja. Was meinst du damit?
Krishna Priya: Diejenigen, die genießen wollen, erfahren stattdessen Leid.
Swami Tirtha: Nein! Nein, dem kann ich nicht zustimmen. Aber was ist mit den Suchenden nach Befreiung? Was werden sie erhalten?
Krishna Priya: Befreiung vom dreifachen Leiden.
Swami Tirtha: Nun, es heißt: „Diejenigen, die Befreiung erlangen wollen, werden als Bäume wiedergeboren. Und diejenigen, die das Leben genießen wollen, werden als Halbgötter wiedergeboren.“ Natürlich kann man sagen, dass es ein höllisches Leben ist – ein Halbgott zu sein, voller Leid. Aber es gibt auch als Halbgott etwas zu tun, was kosmische Angelegenheiten betrifft. Doch was ist die Botschaft? Wenn ihr Befreiung erlangen wollt – ohne Dienst, ohne die liebevolle Verbundenheit mit dem Höchsten Gott – werdet ihr an einem Ort verharren. Das ist keine wahre Befreiung, ihr werdet das Gegenteil erfahren. Und wenn ihr genießen wollt, werdet ihr zwar Genuss erfahren, aber mit mehr Pflichten, kommt mehr Verantwortung. Deshalb brauchen wir andere Ziele, die sich sozusagen auf angemessenere Weise erfüllen lassen. Das war also etwas über menschliche Ziele. Versucht, diese Liste mit Fragen und Antworten euch zu merken, damit ihr die höchsten spirituellen Ideale bewahren könnt. Ich glaube, diese Ideale werden uns selbst in Krisenzeiten helfen.
Frage von Krishna Priya: Ich verstehe nicht, warum diejenigen, die genießen wollen, zu Halbgöttern werden. Wir haben doch schon oft gehört, dass wir, wenn wir genießen wollen, nur Enttäuschung und Frustration erfahren und kein wahres Glück finden. Wie kommt es, dass man zu einem Halbgott wird?
Swami Tirtha: Probier es aus und du wirst sehen, ob du zufrieden oder frustriert bist. Was ist die Definition eines Halbgottes im Krishna-Buch[1]?
Krishna Priya: Diejenigen, die Gott dienen.
Swami Tirtha: Richtig. Tat-priyartham – Halbgötter sind diejenigen, deren einziges Lebensziel Krishnas Glück ist. Es ist also eine sehr hohe Stellung. Gott zu dienen – das ist das höchste Glück, der höchste Genuss. Unser Krishna genießt es. Und wenn ihr in seine Nähe kommt, wird Er sein Glück mit euch teilen. Wenn ihr bisher nur Frustration wahrnemt, solltet ihr vielleicht eure Beziehung zu Krishna etwas vertiefen. Denn Krishna ist ein glücklicher Gott. Und wenn ihr bhakta werdet, werdet auch ihr glücklich sein. Einen traurigen Anhänger gibt es nicht. Das eine ist das eine, das andere das andere – das passt nicht zusammen. Denn ein hingebungsvolles Leben bedeutet, dass wir gemäß unserer ursprünglichen Position leben: Sat-Cit-Ananda – Ananda ist in allen Bhakti-Praktiken enthalten.
Einmal traf ich in Mayapur einen sehr alten, erfahrenen Mann. Er kam in mein Zimmer. Er sprach praktisch nur Bengali, und ich verstand kein Wort, aber wir führten ein sehr schönes Gespräch. Denn er sagte: „Wir kehren zu Krishna zurück. Und Gurudev sagte uns, dass er uns retten wird, falls wir zu spät kommen. Wir haben Hoffnung!“ Seht ihr, so einfach ist das. Es ist voller Freude am ewigen Leben. „Ja, es wartet auf uns! Lasst uns gehen, lasst uns mitmachen. Denn Gurumaharaj hat uns gesagt, dass er kommen und uns retten wird“ – das war sein Plan für dieses Leben. Er war ein Mensch voller Freude. Eigentümliches Vergnügen und die Freude am göttlichen Dienst – das ist ein himmelweiter Unterschied.

(Fortsetzung folgt)

1. „Krishna – Die Quelle ewiger Glückseligkeit“ von Swami Prabhupada