Sharanagati

Collected words from talks of Swami Tirtha




(aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 11.01.2019, vormittags, Sofia)

(Fortsetzung vom Freitag zuvor)

Frage: Kann die Mandala-Struktur mit dem Tempel von Jagannath Puri verglichen werden?

Swami Tirtha: Ja! Dieser Tempel ist zudem riesig. Er hat vier Tore, die in die Himmelsrichtungen weisen. Es gibt außerdem einige spezielle Ausgänge. Das ist sehr wichtig. Soll ich euch sagen, warum? Die Mauern dieses Tempels sind hoch. Der Haupteingang wird durch eine Säule markiert – die Garuda-Säule. In allen wichtigen Vishnu-Tempeln findet man vorne immer Garuda. Genauso wie man in Shiva-Tempeln immer Nandi, seinen Stier, findet. Wer ist Garuda?

Anhänger: Vishnus Reittier.

Swami Tirtha: Natürlich, denn wenn Vishnu irgendwohin reisen möchte, muss Garuda zur Stelle sein, nicht wahr? „Mein Herr, wenn Ihr gehen wollt, kann ich Euch dorthin bringen.“ In einer vornehmen Familie warten der Fahrer und das Auto immer vorne – für den Fall, dass der Herr irgendwohin möchte; man ist also bereit. Garuda ist da, um uns diese Bereitschaft zum Dienen zu zeigen. In einem wunderschönen Tempel ist Garuda so dargestellt, dass er mit einem Bein auf dem Knie ruht und dem Tempel zugewandt ist. Wunderschön! Wenn man sich nähert, erinnert man sich sofort: Ich muss dienen, ich muss bereit sein.

Am Haupteingang in Jagannath Puri kennzeichnet die Garuda-Säule also die Richtung. Es gibt noch ein weiteres Haupttor, durch das das Mahaprasadam aus dem Tempel hinausgebracht wird. Denn wie ihr wisst, ist der Jagannath-Tempel sehr berühmt für sein Prasadam. In diesem Tempel gibt es mehr als 200 Köche, täglich werden 54 Opfergaben dargebracht, und jeden Tag wird anderthalb Tonnen Reis angeboten. Jagannath Puri schwimmt also förmlich im Mahaprasadam. Was steckt für ein Konzept dahinter? Dort verehrt man Krishna als Jagannath, den Herrn des Universums. Und sie sind der Ansicht, dass der Herr – der Ursprung des gesamten Universums – alle Annehmlichkeiten des Universums genießen sollte; denn alles gehört Ihm. Daher sagen sie: „Jagannath mag *Prasadam*, Er isst gern.“ Ihr Wunsch, Ihm zu dienen, ist so groß, dass es heißt, Seine Finger seien stets feucht. Was für ein schöner Gedanke! Gott beständig mit dem zu dienen, was Er uns gegeben hat – es Ihm wieder darzubringen. Wunderschön! Allein an diesem einen Aspekt lässt sich die gesamte Philosophie verstehen.

Doch beim Kochen entstehen Abfälle, also Müll. Deshalb gibt es in diesem Tempelkomplex einen speziellen Ausgang, durch den sämtliche Schalen, Abfälle und Ähnliches an einer bestimmten Stelle nach draußen befördert werden.

Ja, man kann also sagen, dass Tempelanlagen manchmal auch die Struktur eines Mandalas darstellen. Dies lässt sich besonders gut in Shri Rangam beobachten – einer überaus berühmten heiligen Stadt in Südindien. Dort befindet sich der höchste Gopuram (Eingangsturm) in ganz Asien. Die Anlage gleicht tatsächlich einer eigenen Stadt. Auch Mahaprabhu besuchte diesen Ort; so findet man vor dem Tempel eine kleine Kapelle, die an Seinen Besuch erinnert. Wenn man durch das erste Tor tritt, gleicht dieser erste Bereich stark der Außenwelt: Es gibt dort Geschäfte, Verpflegung, Kleidung und verschiedenste Händler – fast so wie außerhalb. Passiert man das nächste Tor, findet man keine Lebensmittel mehr. Durchschreitet man das darauf folgende Tor, gibt es keine Saris mehr. Und je näher man dem Kern kommt, desto mehr stößt man ausschließlich auf spirituelle Gegenstände – etwa Blumengirlanden oder Räucherwerk –, die man Vishnu darbringen kann, da es sich um einen Vishnu-Tempel handelt. Im inneren Haupthof schließlich trifft man nur noch auf Brahmanen, die ihre Hymnen rezitieren. Es ist ein wunderbares Sinnbild: Wir kommen aus der Außenwelt, geprägt von einer Vielzahl an Bedürfnissen und Wünschen – „Ich habe Hunger“, „Ich möchte etwas Schönes für mich finden“ –, genau dort haben wir unseren Ursprung. Mit dem nächsten Schritt–gibt es kein Essen mehr. Mit jedem weiteren Schritt – keine luxuriösen Gegenstände. Auf diese Weise werden wir darin geschult, alle materiellen Vorstellungen hinter uns zu lassen. Schließlich werden wir dem Göttlichen begegnen.

In diesem Tempel wird tatsächlich eine ganz besondere Murti von Ramanuja Acharya vehrert; auch sein Samadhi-Schrein befindet sich dort. Es gab dort einen Torwächter. Wir wollten den gesamten Tempelkomplex betreten, doch der Torwächter sagte: „Auf keinen Fall, hier kommt ihr nicht hinein.“ Wir waren damals inkognito unterwegs und trugen Hosen. Die Regel lautete also: „Kein Zutritt in Hosen.“ Glücklicherweise war jedoch ein bhakta dabei, der einen Dhoti trug. Daraufhin ließ der Torwächter von seinem Widerstand ab und sagte: „Na gut.“ Das bedeutet: Auch an der äußeren Peripherie der Mandalas werdet ihr auf Torwächter stoßen. Doch wenn ihr einen guten Freund oder einen guten Begleiter an eurer Seite habt, werdet ihr mit diesen Torwächtern keine Schwierigkeiten bekommen.

Pflege also eure inneren, äußeren und göttlichen Mandalas. Wenn ihr den heiligen Namen mit eurer schönen Gebetskette chantet, könnt ihr darin ebenfalls ein Mandala erkennen – ein Symbol für den kreisförmigen Tanz von Radha und Govinda. Und wenn ihr auf Einladung von Caitanya Mahaprabhu zu diesem Tanz aufgerufen werdet, könnt ihr um die Lotusblume und die Diamantsäule tanzen.



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