

Sharanagati
Collected words from talks of Swami Tirtha
(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 10.01.2019 abends, Sofia)
(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)
Ich traf einmal einen Babaji, einen sehr erfahrenen Schüler von Bhaktisidhanta Saraswati Thakur in Indien. Ihr wisst ja, in unserer Tradition des asketischen Lebens gibt es zwei Alternativen: den Sannyas-Orden und den Babaji-Orden. Sannyas bedeutet eine aktivere Lebensweise mit Reisen, Predigen, Lehren, Begegnungen mit anderen Menschen usw.; Babaji hingegen ist eher ein zurückgezogenes Leben. Dieser Mann war berühmt dafür, seinen Ort der Hingabe, 45 Jahre lang nicht verlassen zu haben, sein Dorf nicht verlassen zu haben. Das ist eine bemerkenswerte Balance! Ich glaube, kaum einer von uns könnte diesem Prinzip folgen – 45 Jahre lang an einem Ort zu bleiben. Aber ich muss euch sagen, wenn ich zu Hause in Ludashto bin, habe ich das Gefühl, ich könnte 45 Jahre in Sofia verbringen. Dann komme ich hierher und meditiere: „Ja, ich habe das Gefühl, ich könnte 45 Jahre in Ludashto verbringen.“
Seht ihr, so sind wir eben, wir träumen immer von einer Alternative. Offiziell verstehen wir, dass wir mit dem zufrieden sein müssen, was wir haben. Offiziell wissen wir, wie wir unseren Platz finden; dennoch haben wir Träume.
Das liegt in unserer Natur; deshalb sage ich, dass es sehr schwierig ist, an einem Ort zu bleiben oder sich mit dem zufrieden zu geben, was einem geboten wurde. Denn dann muss man sich selbst überwinden. Stellt euch nur einmal vor, ihr müsst längere Zeit an einem Ort bleiben. Wir sind so besessen von Neuem und neuen Erfahrungen, dass ich oft von spirituellen Praktizierenden höre, dass sie etwas Neues wollen. „Ich wiederhole diese Übung schon so oft. Warum gibst du mir nicht mal etwas Neues?“ Sie sagen: „Das Leben ist langweilig, immer dasselbe. Wir brauchen etwas Neues, eine neue Erfahrung.“ Aber dann sage ich: „Und was ist mit deinem Frühstück? Bist du bereit, dein Frühstück aufzugeben, weil du es schon so lange wiederholst? Jeden Abend gehst du schlafen, richtig? Ist das nicht langweilig für dich?“ Wir müssen zur Vernunft kommen. Das ist kein Argument – meine spirituelle Praxis ist seit 25 Jahren dieselbe. Sie wird auch die nächsten 25 Jahre dieselbe bleiben.
Einmal traf ich jemanden, der nach sechs Jahren Pause wieder zu unserem Programm kam. Er war schon vorher da gewesen und kam nach sechs Jahren wieder. Nach dem Programm war er sehr unzufrieden. Er sagte: „Die wiederholen immer noch die gleiche Botschaft.“ Ich glaube, es war eine Beschwerde von ihm, aber ich habe es als Kompliment aufgefasst. Es ist besser, die Botschaft nicht zu verändern, sonst
Müsst ihr den Preis dafür zahlen. Und das ist sehr ernst, bitte beachtet das. Spirituelles Leben ist nicht Innovation. Spirituelles Leben ist Tradition. Deshalb fragen wir uns: Was ist die richtige Methode, was ist der richtige Ort, was ist meine richtige Pflicht in diesem Leben – um in der Gegenwart gemäß der alten Tradition zu handeln? Wenn ihr einige wesentliche Punkte ändert, sind die Folgen gravierend.
Dennoch bedeutet Verbesserung, dass ihr dieselbe Praxis tiefer erfasst. Wenn ihr beispielsweise die „Bhagavad Gita“ zum ersten Mal lest, ist das eine Offenbarung. Aber wenn ihr die Gita immer wieder lest, wird sie euch immer neue Erkenntnisse bringen. Denn wenn wir annehmen können, dass dies das lebendige Wort Gottes ist, dann wird diese Botschaft unser Herz berühren – am Anfang, in der Mitte und am Ende unseres Lebens.
Fortschritt bedeutet, tiefer einzudringen, tiefer zu gehen. Dieselbe Umgebung, aber dennoch eine viel tiefere Wahrnehmung. Genau wie in diesem wunderschönen Lied[1] von Bhaktivinod Thakur: ye dina grihe bhajana dekhi grihite goloka bhaya – „Eines Tages als ich meine Verehrung in meinem Haus ausführte, plötzlich verwandelte sich mein Zuhause in den spirituellen Himmel, Goloka Vrindavana.“
Wir warten auf diesen Moment – wenn sich unsere Sichtweise ändert. Wenn wir heute in den Himmel eintreten, werden wir höchstwahrscheinlich unzufrieden bleiben. Natürlich ist das ein Widerspruch, denn man kann nur mit seinem gegenwärtigen Geisteszustand unzufrieden sein, aber mit diesem Geisteszustand kann man nicht in ein so großartiges Königreich eintreten – es geschieht also nicht wirklich. Aber versucht zu verstehen: Wir müssen diesen inneren spirituellen Geschmack entwickeln, um uns zu verbessern. Und wenn diese subtile Transformation geschieht, dann können wir alle Begrenzungen überwinden. Ich denke, wir alle wünschen uns diese Verbesserung unseres Lebens – unseren richtigen Platz zu finden, das Gleichgewicht in unserem Leben zu fördern. Seit schlau und versucht nicht, eure Mängel und Fehler auf einer Berechnungsplattform zu kompensieren. Aber versucht sie herauszufinden … Ich mag das Wort nicht „revolutionäre Methode“, sondern eine Art und Weise, bei dem ihr das Problem jedoch auf einen Schlag lösen könnt.
(Fortsetzung folgt)
1. Shuddha-bhakata carana-renu von seine Sammlung hingebungsvoller Lieder Sharanagati
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