

Sharanagati
Collected words from talks of Swami Tirtha
Mar
26
(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 06.01.2019 abends, Sofia)
Herzlich willkommen! Obwohl ich zu Gast bin, möchte ich euch alle begrüßen. Und zunächst einmal muss ich mich entschuldigen, denn obwohl ich euer Land schon seit einiger Zeit besuche, spreche ich eure Sprache nicht wirklich. Aber seit gewarnt, ich verstehe viel. Ich habe etwas gelernt, das euch bekannt vorkommen wird: „Крушата не пада по-далече от дървото“[1]. Vielleicht klingt meine Aussprache etwas komisch. Aber wisst ihr, Sprichwörter haben eine tiefe Bedeutung. Denn wir sind alle spirituell Suchende, nicht wahr? Und wir sind wie gefallene Birnen in dieser Welt. Wir sind irgendwie von unserem wahren Ursprung, von unserer wahren Heimat, getrennt. Aber zum Glück sind wir nicht sehr weit vom Ursprung entfernt. Wir können sagen, dass die Vollkommenheit viel näher ist, als wir erwarten würden.
Und tatsächlich gibt es in Ungarn, denn ich komme aus Ungarn, dasselbe Sprichwort, aber in einer etwas anderen Version: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“ Früher pflanzte man üblicherweise einen Baum, wenn ein Baby geboren wurde. Für einen Jungen pflanzte man einen Apfelbaum und für ein Mädchen einen Birnbaum. In diesem Sinne seid ihr weit voraus, denn die Seele ist ja weiblich. Es ist eine Birne. Aber es gab auch eine dritte Möglichkeit: Wenn die Eltern ihr Kind als Mönch erziehen wollten, pflanzten sie einen Walnussbaum.
Das ist, wisst ihr, so eine Art Volkstradition. Dennoch kann sie für uns eine Geschichte erzählen. Denn ich halte einen Menschen für spirituell, wenn er alles verstehen, erklären und mit dem Geist in Verbindung bringen kann. Und spiritueller Erfolg ist meiner Meinung nach eine Frage des Bewusstseins, nicht irgendwelcher äußeren Bedingungen. Deshalb müssen wir unser Bewusstsein entwickeln. Und in diesem Sinne brauchen wir alle unsere Walnussbäume. Denn wenn man diese harte Walnuss knackt, findet man darin ein Abbild des Gehirns. Also, noch einmal, das sagt uns: Entwickelt euer Bewusstsein.
So viel zu meinem fließenden Bulgarisch. Und ich fühle mich sehr geehrt, hier bei euch zu sein. Und ich bin sicher, dass dieser Ort noch viele Jahre der wahren Zufriedenheit von Herz und Seele dienen wird, Santosha.
In dieser wunderschönen indischen Tradition muss man sich, wenn man in einer philosophischen Debatte etwas beweisen will, auf drei Autoritäten berufen. Eine ist der Beweis der offenbarten Schriften, der Upanishaden, der geheimen Lehren. Dies wird Shruti-Prasthana genannt. Shruti bedeutet „die offenbarten Schriften“, Prasthana bedeutet „die Referenz“.
Die zweite Autorität, auf die man sich beziehen muss, ist die Bhagavad Gita. Sie ist praktisch die wichtigste und bekannteste Schrift Indiens – sozusagen die Bibel der Hindus; alles, was für unsere spirituelle Entwicklung notwendig ist, ist darin enthalten. Und da sie Teil des Mahabharata ist, wird sie auch Smriti-Prasthana oder „Referenz der heiligen Tradition“ genannt.
Es gibt aber noch eine dritte Referenz, denn in philosophischen Gesprächen oder Debatten müsst ihr eure Logik anwenden. Die dritte Referenz ist also eine logische.
Diese dritte Informationsquelle ist das Vedanta Sutra. Eine ist wichtiger als die andere. Die Referenz aus den offenbarten Schriften, die Referenz aus der heiligen Tradition und die Referenz aus der logischen Analyse – alle sollten eure Standpunkt stützen, und dann gewinnt ihr die Debatte.
(Fortsetzung folgt)
1. Bedeutung: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“.
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