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Dec
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(Aus einem Vortrag von Swami Tirtha, 04.01.2019 abends, Sofia)
(Fortsetzung vom vorherigen Freitag)
Frage: Ich habe in Sveta Gora im Kloster gelebt und weiß, dass es in den christlichen Gelübden eine gewisse Hierarchie gibt. Gehorsam steht beispielsweise über den beiden anderen – Keuschheit und Armut. Ich habe auch ein Buch über Shivaismus gelesen, in dem die Gelübde zwar gleich sind, aber keines von ihnen höher als die anderen steht. Wie ist das im Vaishnavaismus?
Swami Tirtha: Wenn es beispielsweise eine Debatte unter Mönchen gibt, lautet das entscheidende Argument: „Im Namen des heiligen Gehorsams, bitte akzeptiere meine Meinung.“ Dann gibt es kein Entrinnen, man muss sagen: „Ja, ich akzeptiere das.“ Es ist eine sehr starke Verpflichtung. Daher können wir sagen, dass dies eine hohe Priorität hat.
Ihre Frage lautet also, ob es in der Vaishnava-Tradition eine solche Priorität gibt? Nun, in dieser Hinsicht sollten wir uns auf die Anweisungen von Chaitanya Mahaprabhu beziehen. Denn in seinen berühmten acht Versen seiner Unterweisungen wird am häufigsten die Demut zitiert: „Sei demütiger als ein Grashalm. Sei toleranter als ein Baum. Erweise anderen Respekt, ohne selbst Respekt zu erwarten. So wirst du die heiligen Namen dauerhaft chanten können.“[1] Es ist ein wunderschöner Vers. Und wenn wir die Bedeutung dieses Verses wirklich erfassen, bin ich sicher, dass wir die richtige Demut zur richtigen Zeit und am richtigen Ort anwenden können.
Doch wie oft ertappen wir uns dabei, dass wir diesen Vers zitieren und genau das Gegenteil tun! Wir sagen zu anderen: „Du musst toleranter sein als ein Baum, wenn du mit mir Umgang übst.“ Oder: „Prabhu, warum bist du nicht demütig wie ein Grashalm?“ Das ist sinnlos! Wende dieses Prinzip zuerst auf dich selbst an. Versucht, allen Respekt zu erweisen – damit verliert ihr nie. Denn was ist das Ziel? Das Ziel ist, die heiligen Namen in der richtigen Stimmung zu chanten. Wenn wir also diese offene, reine, unschuldige und demütige Stimmung haben, fällt es uns leichter, das spirituelle Wesen zu erfassen. Unsere Acharyas lehren uns jedoch auch, dass wir dieses Prinzip der Demut gegenüber den vernünftigen Heiligen anwenden sollen, nicht gegenüber den verrückten Materialisten.
Im Grunde sollten wir uns diese innere Qualität der Demut aneignen. Nicht die äußeren Zeichen zeigen und innerlich aufgeblasen sein, sondern das Gegenteil. Und das ist auch eine sehr gutes Merkmal. Ich habe euch diese Geschichte erzählt, sie steht in der Sharanagati, im vierten Jahr, wenn ich mich nicht irre: Es gab einmal einen öffentlichen Vortrag und danach eine private Diskussion. Und ich beobachtete jemanden im Publikum – einen jungen Mann, der mir seine volle Aufmerksamkeit schenkte. Ihr habt ja selbst Vorträge gehalten, daher wisst ihr: Wenn ihr ins Publikum schaut, seht ihr einige Gesichter, aber plötzlich bemerkt ihr, dass jemand besondere Aufmerksamkeit schenkt. Nach diesem Vortrag unterhielten wir uns, und ich fragte: „Wer bist du, mit was beschäftigst du dich?“ Ihr wisst ja, ich bin nicht gerade gesprächig, aber diesmal musste ich viel reden, weil er so aufmerksam zuhörte. Ich sprach fast eine Stunde lang, und er unterbrach mich nicht, er hörte einfach nur zu. Dann erwähnte ich beiläufig, dass Demut im spirituellen Leben sehr wichtig ist. Und dann sagte er: „Ja, Demut! Ich glaube, ich muss lernen, was wahre Demut ist.“ Da war ich ziemlich beeindruckt, muss ich euch sagen.
Denn wenn er seine volle Aufmerksamkeit schenkt, mit einer sehr demütigen Haltung, und wenn Demut erwähnt wird, sagt: „Ja, das muss ich lernen“, dann ist das ein sehr gutes Zeichen. Und was geschah dann? Er wurde ein bhakta. Wenn also jemand ein Gespür für Demut hat, ist das ein gutes Zeichen.
Darf ich euch noch ein gutes Zeichen nennen? Bhajan ist ein sehr gutes Zeichen. Ein anderes Mal gab es einen weiteren öffentlichen Vortrag. Es war ein richtiger Vortrag mit Präsentation, Vorträgen und Diskussionen, einem Kochkurs und allem Drum und Dran – stundenlang. Wir begannen um 20 Uhr und nach Mitternacht waren wir natürlich völlig erschöpft. Und dann fragte eine Frau aus dem Publikum: „Können wir noch ein Bhajan singen?“ Was für ein Moment! Und was geschah dann? Diese Person wurde ebenfalls bhakta. Und sie brachte ihren zukünftigen Ehemann dazu, ebenfalls bhakta zu werden. Und auch ihren Bruder. Sie praktizierte Yoga. Und danach sagte sie zu mir: „Ich mache schon seit Jahren Yoga. Und die ganze Zeit sprachen sie von Samadhi,Samadhi und ich habe es nicht verstanden. Jetzt, nach dem Bhajan, weiß ich, was sie meinten.“
Es gibt also gute Vorzeichen. Wenn du dich von Demut angezogen fühlst, wenn du dich von Bhajans angezogen fühlst, geschweige denn von Prasadam, dann bist du ein geeigneter Kandidat, um ein bhakta zu werden. Ja, das ist unsere Prioritätenliste.
(Fortsetzung folgt)
1. “Shikshashtaka”


